Das Recht auf Rückkehr ist nicht verhandelbar

Palestine Update Nr. 88 – Nov. 17, 2017

 Das Recht auf Rückkehr ist nicht verhandelbar

Meinung

Diese Ausgabe von Palestine Updates bringt nur einen einzigen Artikel über die Streitfrage: „Das Recht auf Rückkehr“. Diese Frage wird für DIE EINE gehalten, auf die eine Antwort gefunden werden muss, bevor der Konflikt gelöst werden kann. Für diejenigen, die vertrieben wurden und enteignet, ist dies die Frage, die nicht verhandelbar ist und eine sehr grundsätzliche Frage. Israel kann in seiner besoffenen rassistischen Arroganz nicht wünschen, dass so viele Millionen weg sind. Hätte es keine durch die Vereinten Nationen erzwungene Lösung gegeben (und jener Länder, die die Juden nach der Verrücktheit, die die Nazis

ergriffen hatte, wieder angesiedelt sehen wollten), wären die Juden sehr wohl Flüchtlinge geworden. Und so müssten sie wohl über ihre Kolonialpläne hinausdenken und Bedingungen schaffen, die wenigstens das Recht auf Rückkehr zugestehen. Das muss natürlich über das bloße Aufhängen von Plakaten hinausgehen. Israel sollte dies lieber in Vergessenheit geraten lassen und hoffen, dass diese Ansprüche allmählich der Geschichte angehören. Innerhalb der Flüchtlingsproblematik gibt es so viele Angelegenheiten, die auch dann nicht vom Tisch sein werden, wenn viele Flüchtlinge älter werden und sterben.

Nelson Mandela hat einmal gesagt: „Menschen ihr Menschenrecht zu verweigern heißt ihre Menschlichkeit an sich herauszufordern.“ Israel ist heute dabei, die Menschlichkeit der Palästinenser herauszufordern. Die Juden müssen sich auf ihre eigene schmutzige Geschichte besinnen, weil darin die Lösung für die derzeitige Sackgasse liegt.

Dieser Artikel von +972 muss unbedingt gelesen werden. Bitte, lesen Sie ihn und geben Sie ihn breit weiter.

Ranjan Solomon, Redakteur

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Ja, das Recht auf Rückkehr ist ausführbar. Und so kann es geschehen…

Bericht von Tom Pessah, ins Englische übersetzt von Yoni Molad

Siebzig Jahre nach der gewaltsamen Vertreibung von hunderttausenden Palästinensern wird es Zeit, dass die Ungerechtigkeit aufgehoben wird und allen, die eine Rückkehr wünschen, zu gestatten, dieses als gleichberechtigte Bürger zu tun; es soll möglich sein, dass die Rechte und Identitäten aller, die in Israel/Palästina leben, respektiert werden.

Zur selben Zeit, wie diese Aufforderung geschrieben wurde,  wurde eine Debatte auf den Seiten von Haaretz durchgeführt über die am besten passende Einstellung gegenüber den Rückkehrrechten. Die Beitragenden kommen quer Beet aus dem israelischen politischen Spektrum. Ze’ev Binyamin Begin war ein Mitglied der Regierung Netanyahu. Shaul Arieli kandidierte für Meretz für die Knesset und jahrelang dafür gekämpft, dass die durch den Bau der Trennmauer geschehenen Ungerechtigkeiten offen gelegt werden. Uri Avnery ist der Gründer von Gush Shalom, der es wagte, sich auf der Höhe des Ersten Libanon-Krieges in Beirut mit Yasser Arafat zu treffen. Shlomo Sand ist ein umstrittener Akademiker, dessen Ziel es ist, den Mythos der jüdischen Kontinuität zu erschüttern.

Trotz dieser anscheinenden Unterschiedlichkeit – und dem Mut, den die Schreiber bewiesen, indem sie sich vom öffentlichen Konsens abwenden – ist es interessant festzuhalten, dass alle Diskutanten grundsätzlich übereinstimmen. Begin ist „pessimistisch“ bezüglich des Friedens: er kann nicht glauben, dass die Palästinenser auf ihr Rückkehrrecht verzichten werden. Arieli schlägt vor, die „demographische Bedrohung von Israels jüdischer Identität“ durch Maßnahmen zu verhindern wie Kompensation und Umsiedlung in andere Länder. Sand bietet Kompensation auf der Basis der Anerkennung an, dass „dieses Recht im Gegensatz steht zur sprachlichen und kulturellen Identität, die in Israel existiert, vielleicht zu seiner Existenz an sich“. Und Avnery schlägt vor, nur eine begrenzte Anzahl von Flüchtlingen auf der Basis zu absorbieren, dass „niemand erwartet, dass Israel Selbstmord begeht und Millionen Flüchtlinge rücksiedelt“.

Kinder aus dem Aida-Flüchtlingslager tragen Schlüsselattrapen während einer Nakba-Erinnerungsveranstaltung in Bethlehem, Westbank, am 14. Mai 2014 zur israelischen Trennungsmauer, womit sie das Recht auf Rückkehr symbolisieren.

Der Diskurs rund um das Recht auf Rückkehr ist eingeschlossen in Slogans über „Selbstmord“ und „demographische Bedrohung“, diktiert von einem Regime, das Angst hat vor einer wirklichen Lösung des Konflikts, und die breiten Veränderungen, die eine solche nach sich ziehen würde. Ist es nicht an der Zeit, diese Slogans gegen eine ernsthafte Diskussion einzutauschen?

Hier sind einige grundsätzliche Fakten bezüglich des Rechts auf Rückkehr, wie sie von Millionen Palästinensern als eine Bedingung für den Frieden gefordert werden. Zum Ersten: die Identität der Palästinenser, die sich in diesem Land gebildet hat, war in erster Linie eine lokale. Zum Beispiel: Die Familie Khalidi hat seit dem Mittelalter in Jerusalem gelebt, alle ihre Vorfahren sind dort begraben. Die örtliche Identität ist in spezifische Traditionen eingehüllt – ein bestimmter Akzent, Kleidung, Art zu kochen, Blumen, und ein Lebensgefühl,

das sich daraus ergibt, dass bereits die Vorfahren generationenlang dieses Land bewohnt und bebaut haben.

Lokale Identität ist keine vorübergehende Illusion. Flüchtlinge, die seit Jahrzehnten in Gaza, in der Westbank, im Libanon oder in den USA leben, behalten immer noch diese lokale Identität im Herzen, und daher wird ihr Rückführung in die Außenbezirke von Ramallah nicht eine wirkliche Erfüllung ihrer Rechte auf Identität sein. Israelis lernen  die Unabhängigkeits-Deklaration eines Landes auswendig, in dem die jüdische spirituelle Identität vor mehr als 2000 Jahren gebildet wurde. Sie können nicht erwarten, dass das Herz der nationalen Identität eines von vor lächerlichen 70 Jahren aus seinem Land exilierten Volkes sich plötzlich in Luft auflöst, um Friedensverhandlungen Platz zu machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Palästinenser auf die grundlegendste Komponente ihrer Identität verzichten, ist gleich hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass Millionen Israelis sich „aufklären lassen“ über ihre israelische Identität und „zurückkehren“ in die Länder, aus denen ihre Großeltern emigrierten. Beide diese Phantasien sind gefährlich, weil sie unrealistisch sind.

Der palästinensische Geograph Salman Abu-Sita, den Avnery in seinem Artikel erwähnt, entdeckte, dass 85 % des israelischen Hoheitsgebietes, wohin Flüchtlinge hoffen zurück zu siedeln, spärlich besiedelt sind. Die meisten der 400 oder mehr Dörfer, die während oder nach der Nakba zerstört worden waren, wurden in Nationalparks oder Agrarland umgewandelt, einschließlich der Dörfer, deren frühere Bewohner heute innerhalb des Landes vertriebene Flüchtlinge mit israelischer Staatsbürgerschaft sind. Eine vom Smith Institute durchgeführte Beschreibung zeigt, dass ein Viertel der jüdischen Bewohner von Galiläa die Rückkehr der Flüchtlinge begrüßen würden unter der Bedingung, dass sie nicht in Gebiete zurückkehren, die von Juden bevölkert sind.

Am Ostermontag tanzen im „gesäuberten“ palästinensischen Dorf Iqrit Junge und Alte rund um die Kirche der Stadt (Nord-Israel, 21. April 2014). Iqrits ursprüngliche Bewohner wurden während der Nakba 1048 mit Gewalt evakuiert (Activestills.org)

Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge versuchen, in die von Juden dicht besiedelten städtischen Gebiete zurückzukommen. In den meisten dieser Gebiete wurden die ursprünglichen Häuser zerstört, und es gibt kein Hindernis, Flüchtlinge irgendwo in nahe gelegenen Gebieten wohnen zu lassen – etwa in der gleichen Weise wie heute Juden und Araber in Städten wie Haifa zusammen leben. Wie für eine kleine Minderheit von Fällen, deren ursprüngliche Häuser heil geblieben waren, hat sich die israelische Organisation Zochrot zusammengetan mit der palästinensischen NGO Badil, um ein gemeinsames umfassendes Rechtsdokument zu

formulieren, das einen Leitfaden für die derzeitigen Bewohner und die ursprünglichen Besitzer darstellt, um ein gemeinsames Übereinkommen zu erreichen.

Darüber hinaus hat Zochrot in Zusammenarbeit mit Baldana, der arabischen Gesellschaft für Menschenrechte und dem Rat für im Lande vertriebene Flüchtlinge verschiedene Planungsmodelle für eine Rückkehr entwickelt. Das ist nicht „Suicide“ (Selbstmord), um sich den Ausdruck von Avnery auszuleihen, sondern es sind eher praktische Planungsprojekte, um die Lösung der Wohnungsprobleme zu finden, ohne eine weitere Vertreibung zu veranlassen.

In anderen Worten: dies bietet Hoffnung an.

Siebzig Jahre nach der gewaltsamen Vertreibung von hunderttausenden Palästinensern ist es Zeit, die Ungerechtigkeit aufzulösen und jedem, der/die möchte, die Gelegenheit zu geben, als gleichberechtigte Bürger in seine/ihre Heimat zurückzukehren, und gleichzeitig die Rechte und Identitäten aller, die dort wohnen, zu respektieren.

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Tom Pessah ist Soziologe und Aktivist. Dieser Artikel wurde zuerst in „Haokets“ hebräisch herausgebracht, sodann von Yoni Molad ins Englische übertragen, und liegt hier in deutscher Übersetzung durch Gerhilde Merz vor.