*Die Risiken für Frieden müssen drohende Kriege ersetzen*  

Palestine Update Nr. 221 – Die Risiken für Frieden müssen die Kriegsdrohungen ersetzen –   4. März 2019

 Meinung

*Die Risiken für Frieden müssen drohende Kriege ersetzen*  

Die Annäherung zwischen Indien und Israel vollzieht sich in gigantischen Schritten auf einander zu. Die beiden Länder pflegen außerordentlich wirksame wirtschaftliche, militärische und strategische Beziehungen. Unter den vielen Bereichen für die Zusammenarbeit sind Verteidigung, Technologie, Landwirtschaft, Cyber-Sicherheit, Wasserwirtschaft und Handel.

„Es geht immer nur um’s Geld“, sagte Akiva Eldar*), der in Tel Aviv beheimatete israelische Analytiker und Journalist für „Al Monitor“. „Die israelische Waffenindustrie ist durstig und hungrig nach neuen Märkten, und Indien ist ein sehr guter Markt dafür. Sie kümmern sich nicht darum, was Pakistan dazu sagt, und ebenso wenig Kaschmir. Es ist gutes Geld, und die Industrie hat eine sehr starke Lobby“. Indien ist zurzeit der stärkste Käufer für Israels Waffenproduktion und hat in den letzten Jahren durchschnittlich 1 Milliarde Dollars jährlich für militärische Ausrüstung ausgegeben.

 

Es ist ein Zusammenkommen von zwei faschistischen Regimes, die sich in der allgemeinen Abneigung für Muslime treffen. Sie vereinigen sich auch in jenem, was viele in der Welt als die beiden letzten okkupierenden Mächte sehen. Sie weiden sich gegenseitig ab in einer Weise, die viele als oberflächlich sehen. Es ist einfacher Hausverstand, dass Indien nicht von Israel über Wassermanagement oder Irrigation aufgeklärt zu werden braucht. Indien ist für den objektiven Betrachter in diesen Bereichen Selbstversorger. Auch braucht Indien man in keine Waffen von Israel. Statt sich mit Pakistan auf einen Wettlauf der Waffen zu begeben, sollte Indien an Friedensarbeit denken und nicht an einen Krieg.

Der Artikel „Wenn es auf Palästina und Kaschmir ankommt, sind Indien und Israel die Unterdrücker in Waffen“ kommt zu einer Zeit, wo es erhöhte Spannungen zwischen Indien und Pakistan über einen terroristischen Angriff auf indischem Territorium gibt. Indien hat ein Angebot für eine gemeinsame Untersuchung als Vorbereitung für Friedensverhandlungen zurückgewiesen. Es besteht der Verdacht, dass Indien nur deshalb an seiner aggressiven und uneinsichtigen Haltung festhält, weil es bald nationale Wahlen geben wird. Die Aussichten der herrschenden Gruppe sind schwach. Krieg (oder wenigstens ein Geplänkel) wird gesehen als eine Hilfe, um schlechter werdenden Aussichten ankurbeln zu können.

Beide, Israel und Indien brauchen dringend ein Ende ihrer kriegslüsternen und müssten sich stattdessen für eine ernsthafte Konflikttransformation durch einen ernsthaften und aufrichtigen Dialog engagieren, der ganz einfach den Konflikt und die daraus folgenden Leiden zu einem Ende bringen könnte. Was dringend gebraucht wird ist der politische Wille zu verstehen, dass Drohungen und Kriegsrisiko uns zerstören werden, wenn man nicht das Risiko eines Friedens auf sich zu nehmen bereit ist.

Ranjan Solomon

 

Azad Essa:

„Wenn es auf Palästina und Kaschmir ankommt, sind Indien und Israel Unterdrücker in Waffen“ (When it comes to Palestine and Kashmir, India and Israel are oppressors-in-arms)

https://facebook.us14.list-manage.com/track/click?u=70813d3d15ac4637582781b8e&id=fb3149b720&e=bb7a291c18

*Das Geschrei „Demokratie“ hat Indien und Israel spezielles Gewicht und Legitimität gegeben, während die Verletzungen der Menschenrechte uneingeschränkt weitergehen*

Hunderte marschieren im Mai 2018 in Kaschmir, um den Kampf der Palästinenser zu unterstützen. (MEE/Fahad Shah)

In einer Hintergasse der Unterstadt von Srinagar, der Hauptstadt des von Indien kontrollierten Kaschmir, ist ein Text an eine Wand geschmiert, der lautet: „Lang lebe Palästina“. Nahe davon „brüllt“ es vom Rollbalken eines Geschäfts „Free Gaza“ (Freiheit für Gaza). Auf der gegenüberliegenden Seite eines winzigen Gerinnes wurde ein Graffiti von einer Seitenwand weggekratzt. Wann man lange genug hinstarrt, erscheinen die Worte „Freiheit für Kaschmir“ wie eine Geistererscheinung.

Für viele Muslime rund um die Welt behält Palästina einen besonderen Platz in ihrem politischen Bewusstsein. Die Al-Aqsa-Moschee ist schließlich einer der wichtigsten Orte im Islam. Die „Linken“ – Radikale zur Jahrtausendwende oder graubärtige Marxisten – haben die Sache Palästinas gegenüber dem ehrgeizigen Imperialismus der zionistischen Siedler-Kolonisation, der ethnischen Säuberung, der Vertreibung und der Kriegstreiberei immer unterstützt.

*Eine persönliche Angelegenheit*

Die Gaza-Invasionen des letzten Jahrzehnts haben wiederholt Proteste in Ländern angefacht, die so verschieden sind wie Südafrika, das UK und Malaysia. Aber in der muslimischen Mehrheit, im von Indien kontrollierten Kaschmir, ist die Unterjochung von Palästinensern eine persönliche Angelegenheit – eine Erinnerung an die eigene Lage. Die Menschen von Kaschmir bevölkern die Straßen mit Fahnen. Und weil sie keinen Unterschied sehen zwischen ihren Unterdrückern und den israelischen Soldaten, schmeißen sie Steine auf die indischen Truppen. Während der indische Staat versucht, die Graffiti, die sich auf die Befreiung Kaschmirs beziehen, von den Wänden und stählernen Rollbalken wegzukratzen, gibt es kaum Versuche, die Spray-Malereien mit „Free Gaza“ abzuwaschen. Der Staat glaubt offenbar, dass Slogans pro Palästina keine Konsequenzen haben und nicht inspirieren.

Die Kaschmiris gehörten zu den ersten, die sich organisierten und demonstrierten. Sie kommen heraus auf die Straßen mit Fahnen … und werfen Steine auf die indischen Truppen. Als die letzte Gaza-Offensive im Juli 2014 begann, gingen die Leute jeden Tag auf die Straßen, um gegen die israelischen Bombardements zu protestieren. In einem Fall feuerten indische bewaffnete Truppen in einem Bezirk, 60 km von Srinagar entfernt, mit scharfer Munition auf die Protestierenden und töteten Suhail Ahmed aus der 9. Schulstufe.

*Historischer Rückblick*

Jahrzehntelang haben Kaschmiris in dem von Indien kontrollierten Kaschmir Freiheit gefordert, oder wenigstens das Recht auf Selbstbestimmung, wie es ihnen 1948 mit der Resolution 47 vom UN0-Sicherheitsrat versprochen worden war. Kaschmir war zur Gänze sowohl von Indien wie auch von Pakistan seit 1947 eingefordert worden. Die de facto Grenze teilt die von Indien kontrollierten von den von Pakistan kontrollierten Teilen von Kaschmir.

 

Bei drei von den vier Kriegen, die zwischen den beiden Ländern ausgefochten wurden, ging es um diesen Streit.

Seitdem der bewaffnete Widerstand 1988 begann, fanden mehr als 70.000 Menschen den Tod, und tausende mehr konnten nicht gezählt werden, weil sie einfach verschwunden sind. Heute, wo für eine Bevölkerung von 14 Millionen Menschen etwa 700.000 Soldaten zuständig sind, ist Kaschmir der am stärksten  militarisierte Ort in der Welt.

Während der indische Staat versucht, alle Graffiti von den Wänden zu entfernen, die Eisenhower auf die Befreiung von Kaschmir, bemüht man sich nicht besonders, den Spray-Text wegzubringen, der „Free Gaza“ zum Ausdruck bringt (MEE)

Es ist eine Gruppe, die von Checkpoints und Armee-Konvois belästigt und von Truppen terrorisiert wird, die straflos unter dem „Armed Forces Special Powers Act“ (= Bewaffnete -Spezial-Kräfte-Gruppe) arbeiten; sie befindet sich in einer rechtlichen Malaise namens Public Savety Act, die ihnen auch erlaubt, junge Knaben aufzusammeln und undefiniert ohne Anklage festzuhalten. Das ist nicht unähnlich der israelischen Politik der „Administrativhaft“, von der tausende Palästinenser ohne Angabe einer Schuld festgehalten werden. Jahrelang haben indische Streitkräfte mit Blei überzogene Kugeln als Methode der „Massenkontrolle“ angewandt. Damit wurden 1000 Menschen zum Erblinden gebracht und 10.000 weitere verwundet durch Verletzungen von Geweberissen bis zur Zerstörung innerer Organe. Und, als wäre die Gewalt noch nicht genug, trennt der Staat regelmäßig Internet- und Telephonverbindungen, um Graswurzel-Organisationen und die Verteilung von Informationen zu entmutigen, und um die Menschen im Kaschmir vom Rest der Welt abzuschotten.

„Unterdrücker in Waffen“

Obwohl die Verstärkung der Verbindungen zwischen Indien und Israel ein relativ neues Phänomen ist, haben beide schnell eine wirksame Partnerschaft entwickelt, die auf strategischen Interessen beruht. Indien hat wiederholt seine Polizei- und Spezialeinheiten zum Training nach Israel gesandt. Zwischen 2013 und 2017 war Indien der größte Importeur von israelischen Waffen. Israelische „Rafael’s Spice 2000“-Raketen wie auch „Heron“-Drohnen spielten nach Berichten eine signifikante Rolle in Indiens „chirurgischem Schlag“ in Pakistan am 26. Februar. Nur wenige Tage vor dem Schlag bestellte Indien noch 50 Drohnen im Handelswert von 500 Millionen Dollars.

 

 

Modi opfert Indiens Interessen auf dem Altar von israelischer Apartheid

 

Entscheidend ist, dass Israel weiterhin mit Indien kollaboriert, um sicher zu stellen, dass die Kaschmiris ein unterjochtes Volk bleiben. Und während die Okkupationen von Palästina und Kaschmir nicht identisch sind – es gibt sicherlich Unterschiede – sind die Ambitionen von Israel und Indien nicht unähnlich. In gewisser Weise fressen sie einander auf.

Israel hat die Palästinenser systematisch ethnisch gesäubert, indem es ihnen ihre Wohnstätten wegnimmt, ihren Widerstand aufkauft, Missbehagen sät, und sich Elemente ihrer Kultur aneignet – sogar ihre Küche – als Teil einer größeren Aktion, um den Fußabdruck der Palästinenser in diesem Land auszutreten. Als Ergebnis davon sind die Palästinenser im wesentlichen zweitklassige Nicht-Bürger. Zum Vergleich Indien: durch eine Politik der „Domestizierung“ – oder, um die Worte des BJP (Bharatiya Janata Partei) Führers Ram Madhav zu benutzen – Indien „einzuträufeln“ in die Muslime in Kaschmir versucht es, diese dazu zu bringen, ihre politischen Identitäten fallen zu lassen und sich dem größeren indischen Projekt zu unterwerfen. Sie würden dann „Indische Muslime“ werden, die nach allen Maßgaben des Erfolgs und der Gleichheit in der indischen Gesellschaft Bürger zweiter Ordnung sein werden. Im Endspiel liefe es hinaus auf einen demographischen Schub in Kaschmir selbst und brächte mehr Hindus von Indien dazu, sich in Kaschmir niederzulassen.

*Übereinstimmung fabrizieren*

Dann ist da die Sache von Sprache und Übereinstimmung „basteln“. Beide, Israel und Indien benutzen eine verfälschte, festlegende, statische Sprache – papageienartig wiederholt durch  chauvinistische Medien – die hilft, die Okkupation zu legitimieren, zusammen mit Menschenrechtsverletzungen und Razzien.

 

Indien versucht, die Muslime in Kaschmir dazu zu bringen, ihre politischen Identitäten loszulassen und sich dem größeren indischen Projekt zu unterstellen.  

 

Die rasche Verbreitung der Islamophobie ist ein Lockangebot um ihre Aktionen zu rechtfertigen. Ebenso, wie Israel seine Invasionen von Gaza als eine „Verteidigung“ gegen „radikal islamistische“ Hamas-Mitglieder beschreibt, sind Inder immer noch fähig, ihr internationales Missbehagen mit  „Gandhi“ und „Yoga“ herauf zu beschwören, während sie Munition in die Proteste der Jugend von Kaschmir schleudern, indem sie behaupten, dass sie von Pakistan unterstützte Terroristen oder radikale Dschihadisten sind. Israelis sind berühmt geworden, als sie 2014 auf den Hügelkuppen Picknicks veranstalteten, während die Bomben auf Gaza herabregneten. In dieser Woche, als indische Jets über Pakistan flogen, um dem Krieg einen Anstoß zu geben, jubelten ihnen indische Berühmtheiten auf Twitter zu. Das ist ein mutwilliger Gebrauch von Sprache, die blinde Loyalität einer Elite, und die Abkoppelung von lokalen und internationalen Medien, die zulässt, dass beide, Palästinenser und Kaschmiris bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu Bösen gestempelt werden.

Gerade so wie Zionisten Akademiker, Journalisten und Intellektuelle einschüchtern, die israelische Politiken hinterfragen, versucht die starke, oft nationalistische indische Diaspora in Medien-Häusern und Schulen rund um den Planeten jede Diskussion über Kaschmir zu unterdrücken. Ebenso wie Palästinenser haben auch junge Kaschmiri in ihrer Machtlosigkeit  angesichts der staatlichen Maschinerie zum Steinewerfen gegriffen. Die Tatsache, dass indische Behörden überproportionale Gewalt anwenden – einschließlich dem Niederbrennen von Dörfern, Wohnhäusern und Feldfrüchten jener, die ein wenig bekannt sind mit aktiven Rebellen – wird auch aus Bequemlichkeit ignoriert.

*Volksempfinden*

Sowohl Palästina wie auch Kaschmir haben Nachbarn, die vor allem aus Eigeninteresse arbeiten. Wenn in Palästina Jordanien und Ägypten seine Anliegen unterminieren, so ist es in Kaschmir Pakistan, das wenig mehr sucht als sich anzubiedern und ein wertvolles Alibi in Indien zu finden, um sich von den wirklichen und legitimen Sorgen der Kaschmiris abzusetzen.

 

 

Seit Jahrzehnten fordern die Menschen in Kaschmir das Recht auf Selbstbestimmung, wie es 1948 in der UNO Resolution 47 versprochen wurde (MEE)

 

Zuletzt: Es ist eine Frage des Volksempfindens. Wenn man das breitere israelische und indische Publikum befragt, so hat die Gemeinheit der Besetzung alle Humanität von ihm abgestreift, so weit, dass sie Tod und Krieg bejubeln. Das berühmte Picknick der Israelis auf den Hügeln, von denen aus man 2014 den Bombenregen auf Gaza beobachten konnte!… In dieser Woche flogen die indischen Jets über pakistanisches Territorium, um Anstoß für Krieg zu geben – und indische Berühmtheiten, Schriftsteller, Schauspieler, Kricket-Stars, ein früherer Untersekretär der UNO und ein amtierender UNICEF-Botschafter setzten ihre Jubelbotschaften auf Twitter ab.

 

*) Azad Essa ist Berichterstatter für „Middle East Eye“ im Büro in New York City. Er arbeitete zwischen 2010 und 2018 für „Al Jazeera English“ für das Netzwerk Südliches und Zentral-Afrika. 2018 besuchte er Nieman Fellow in Harward. Er ist der Autor von „The Moslems areComing“ (Harper Collins India) und „Zuma’s Bastard (Two Dogs Books).

 

Quelle: Facebook Link: =f7258594d8&e=

 

(Übers. Gerhilde Merz)

 

Mach mich nicht für einen Tag zum Freund – und verlass mich nach einem Monat

Komm mir nicht zu nahe, wenn du mich doch verlassen wirst!

Versprich nicht, was du nicht halten willst.

Sei mir nah – oder geh‘

 Mahmoud Darwish