*Die Schieflage der westlichen Medien erlaubt Israel, den Mord in Gaza zu leugnen*

Palestine Update Nr. 309 – Schieflage der westlichen Medien erlaubt Israel, mit dem Mord in Gaza zurecht zu kommen – 21.11.19

*Die Schieflage der westlichen Medien erlaubt Israel, den Mord in Gaza zu leugnen*

Von Ramzy Baroud

(Israel hat 34 Palästinenser bei Luftangriffen auf den Gazastreifen getötet, darunter Kinder und Frauen – Photo: via Social Media)

 

Ein israelischer Angriff auf Gaza stand bevor, und nicht, weil es irgendwelche Provokationen durch palästinensische Gruppen im belagerten, verarmten Gazastreifen gegeben hatte. Die israelische Militär-Eskalation war vorhersehbar, weil sie genau in Israels streitsüchtige politische Szene passte. Der Krieg war nicht eine Frage des „ob“ sondern nur des „wann“. Die Antwort kam am 12. November, als das Militär Israels einen gezielten Schlag auf Gaza ausführte und den Kommandanten Bahaa Abu al-Ata des Islamischen Dschihad und seine 

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Frau Asma tötete. Es erfolgten mehrere Angriffe, die auf das zielten, was das israelische Militär als Installationen des Islamischen Dschihad beschrieben. Aber die Identität der Opfer, zusammen mit verurteilenden Aufnahmen in Social Media, Bildern und Zeugnissen von Augenzeugen stellten fest, dass Zivilisten und zivile Infrastruktur genauso bombardiert und zerstört wurde. Bis zum 14. November, als ein Waffenstillstand angekündigt wurde, waren 32 Palästinenser getötet und mehr als 80 durch den israelischen Angriff verwundet worden.

Was wirklich eine sinnvolle Diskussion über die schauderhafte Situation in Gaza frustiert, ist die schwächliche Antwort sowohl durch internationale Organisationen, die nur mit dem einzigen Zweck existiert, den Weltfrieden darzustellen oder pausenlos über die westlichen Mainstream-Medien zu zelebrieren, wie sie genau und unparteiisch berichten. Eine sehr enttäuschende Antwort auf die Gewalt Israels gibt Nickolay Mladenov, der UN-Spezial-Koordinator für den Friedensprozess im Nahen Osten.  

Mladenov, dessen Job seit langem als überflüssig betrachtet werden kann angesichts dessen, dass derzeit kein „Friedensprozess“ existiert, drückte seine „Betroffenheit“ aus über die „laufenden und schweren Eskalationen zwischen dem palästinensischen Islamischen Dschihad und Israel“. Nicht nur schafft die Stellungnahme von Mladenov ein moralisches Gleichgewicht zwischen einer Okkupationsmacht, die Krieg an die erste Stelle setzt, und einer kleinen Gruppe von ein paar hundert bewaffneten Männern – sie ist auch ehrenrührig. „Das mutwillige Werfen von Raketen und Ruinenbrocken gegen Menschenzentren ist absolut nicht zu akzeptieren und muss sofort aufhören“, ließ Mladenov hören, wobei er stark das Faktum betonte, dass es „keine Rechtfertigung für irgendwelche Angriffe auf Zivilisten gibt“. Schockierend dabei ist, dass Mladenov sich auf Israelis bezog und nicht auf palästinensische   Zivilisten. Zu dem Zeitpunkt, als diese Rede an die Medien ging, gab es schon dutzende palästinensische Zivilisten, die getötet oder verwundet waren, während in den Berichten in den israelischen Medien von einigen Israelis die Rede war, die wegen ihrer „Ängstlichkeit“ behandelt werden mussten.

Die EU verhielt sich auch nicht besser. Die Europäische Union plapperte die gleiche Kniefall-Antwort herunter, indem sie den „Hagel von Raketenangriffen“ verurteilte, „die tief nach Israel“ reichten. „Das Abfeuern von Raketen auf die Zivilbevölkerung ist total unakzeptabel  und muss sofort aufhören“, ließ sich die Stellungnahme im Blog der Europäer lesen.

Ist es nicht möglich, dass Mladenov und die Chef-Außenpolitikmacher der EU nicht wirklich den politischen Kontext des jüngsten Gemetzels von Israel verstehen – dass der bedrängte israelische Premierminister Benjamin Netanyahu die militärische Eskalation als Möglichkeit benutzt, um seinen schwächelnden Griff nach der Macht zu stärken? Wenn man das in Betracht zieht, was kann unsereins schon tun aus einem kümmerlichen Medienbericht, einer  unpassenden Analyse, und dem Fehlen von objektiven Berichten in den großen Mediendarstellungen des Westens? 

In einem am 13. November von der BBC veröffentlichten Bericht bezog sich der britische Rundfunk-Sprecher auf eine „über Grenzen gehende Gewalt von Israel und Milizen in Gaza“.

Aber Gaza ist kein unabhängiges Land und – nach internationalem Gesetz – immer noch unter  israelischer Okkupation. Israel erklärte im September 2007 Gaza zu einem „feindlichen Gebiet“ und errichtete eigenmächtig eine „Grenze“ zwischen diesem und dem belagerten palästinensischen Gebiet. Aus irgendeinem Grund findet die BBC diese Bezeichnung annehmbar. Andererseits berichtete CNN am 13. November, „dass die militärische Kampagne gegen den islamischen Dschihad“ den zweiten Tag erreicht habe, und zugleich betonte man die Verurteilung der UNO für die Raketenangriffe. CNN berichtet wie seine meisten amerikanischen Gegenspieler im Mainstream über israelische Militärkampagnen als Teil und Ziel von irgendeinem phantasierten „Krieg gegen Terror“. Daher ist ein Analysieren der Sprache der US-Mainstream-Medien mit dem Zweck, seine Fehler und Falschangaben zu unterstreichen, eine sinnlose Übung.

Traurigerweise hat sich die Schieflage der USA in Bezug auf Palästina auf die Mainstream-Medien in europäischen Ländern ausgebreitet, die zu einem gewissen Grad fairer waren, wenn nicht eher mitfühlend mit der Situation der palästinensischen Völker. „El Mundo“ in Spanien z.B. sprach von einer Anzahl von Palästinensern – wobei klargestellt wurde, dass diese „größtenteils Milizen“ waren – die „starben“ im Gegensatz zu „vom israelischen Militär

„getötet“ wurden. „Die Eskalation folgte dem Tod des bewaffneten Unterführers von Gaza“, berichtete El Mundo und ging wieder nicht darauf ein, Angeklagte für diese anscheinend mysteriösen Todesfälle ausfindig zu machen. 

„La Repubblica“, die für das „links-lastige“ Blatt Italien gehalten wird, klang mehr wie eine „rechts-lastige“ Zeitung Israels in ihrer Beschreibung der Ereignisse, die zum Tode und der Verwundung vieler Palästinenser führte. Die italienische Zeitung verwendete einen fabrizierten Zeitablauf, der nur im Kopf des israelischen Militärs und seiner Entscheidungs-macher existiert. „Die Gewalt ging weiter. Etliche Raketen wurden durch Gazas Islamische

Dschihad (Milizen) gegen Israel abgelassen und brachen so den kurzen Waffenstillstand – nach Angabe (der rechts-lastigen israelischen Zeitung) „The Jerusalem Post“ und an die israelische Armee – Es bleibt unklar, auf welchen „Waffenstillstand“ sich La Repubblica bezieht.  

Frankreichs „Le Monde“ zieht nach und beschreibt die gleichen täuschenden und phrasenhaften israelischen Zeilen und betont Stellungnahmen durch das israelische Militär und die Regierung. Interessanterweise fanden Tod und Verwundung so vieler Palästinenser in Gaza keinen Platz auf der Homepage der französischen Zeitung. Stattdessen wurde eine verhältnismäßig unwichtige Notiz besonders betont, in der Israel wegen der (falschen) Herkunftsangabe von Produkten aus den illegalen Siedlungen als „diskriminierend“ denunziert wurde. 

Vielleicht hätte man diese quer-Beet journalistischen und moralischen Fehler entschuldigen können, wenn es nicht um das Faktum ginge, dass die Geschichte von Gaza seit mehr als  einem Jahrzehnt überall in der Welt eine der am meisten verschwiegenen Tatsachen ist. Es ist augenscheinlich, dass die „berichterstattenden Zeitungen“ im Westen ihren blinden Fleck in der fairen Berichterstattung über Gaza beibehalten und absichtlich ihren Lesern die Wahrheit viele Jahre lang vorenthalten haben, um die Sensibilitäten der israelischen Regierung und ihrer mächtigen Alliierten und Lobbys nicht zu verletzen.

Obwohl ich mir nicht helfen kann, den Tod von gutem Journalismus im Westen zu beklagen, ist es auch wichtig, mit großer Wertschätzung den Mut und die Opfer der jungen Journalisten und Blogger anzuerkennen, die immer wieder von Neuem von der israelischen Armee angeschossen und getötet werden, weil sie die Wahrheit über die Ehre des belagerten, aber beharrlichen Streifens übermitteln. Dr. Ramzy Baroud 

*Dr. Ramzy Baroud ist Journalist, Schriftsteller und Herausgeber von „Palestine Chronicle“*

(Übers. Gerhilde Merz

Anm: Ich übersetzte „Islamic Jihad mit „islamische Dschihad“. Ich weiß nicht, ob es „islamistischen … heißen hätte sollen, aber mir erschien die von mir gebrauchte Bezeichnung als wahrscheinlicher.)  

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Literaturhinweis:   „The last Earth, a Palestinian Story“, von Ramzy Baroud; erschienen 2018 

                              By Pluto Press, London

Aus dem Klappentext: Gewöhnliche Palästinenser haben ihre Geschichte kaum erzählt. In diesem tiefschürfenden Buch holt der Autor im Interview dutzende Geschichten von ganz normalen Menschen, die in ihren Dörfern wohnen, in Flüchtlingslagern, im Gefängnis, 

die das Land ihrer Ahnen weiter beleben, oder im Exil zu finden sind, aus diesen heraus.

Der Autor enthüllt neue Dimensionen der palästinensischen Saga und erzählt sie, wie sie noch nie erzählt wurde. „The last Earth“ führt zu den Urgroßeltern, den Eltern und den heutigen Menschen in ihrem Umfeld. 

Nicht leicht zu lesen in seinem Reichtum an Details, aber wichtig für alle, die wissen wollen.