Frauen bewegen sich vom sicheren Ort zum Ort der Befreiung

Palestine Update Nr. 134 – 24.April 2018

Meinung

Frauen bewegen sich vom sicheren Ort zum Ort der Befreiung

„Der Krieg pflegte das Spielzeug des Mannes zu sein und ist es immer noch – meistens. Aber die Sachen verändern sich“ (Psychologe Joe Herbert)

Bis vor kurzem war Krieg das typisch männliche Gebiet. Studien zeigen, dass es im Zweiten Weltkrieg junge Männer waren, die auf den Schlachtfeldern getötet wurden (obwohl durch die Bomben-abwürfe auch viele Frauen in ihren Wohnungen und Häusern zu Tode kamen). Die gleiche Studie sagt aus, dass die Schaffung von weiblichen Soldaten sich als enormer Schritt in der sozialen Evolution erwies, auch wenn sie keine Rolle an der Front innehatten. Diese Entwicklung geht immer noch auf verschiedenen Wegen und in verschiedener Art und Weise weiter. Gaza ist dabei keine Ausnahme.

Das Erwachen des Feminismus, eine Antwort auf die Anerkennung der historischen Unterdrückung und Unterwerfung der Frauen, heißt, dass es nicht länger zulässig ist, Frauen nur aufgrund ihres Geschlechtes von allem auszuschließen. Ebenso wichtig ist es, dass Frauen selbst ihr Selbstbild verändert haben, sodass soziale und politische Zwänge, die vorher Teil ihrer Erwartungen, was sie tun oder nicht tun konnten, sich veränderten. Daher gibt es eine größere Chance für sie, fähig zu sein (oder erwarten zu können fähig zu sein) zur Erreichung von Funktionen, die früher Männern vorbehalten waren, sogar zur Teilnahme am Krieg.

Bei den Märschen von Gaza der letzten Zeit waren Frauen viel sichtbarer als jemals früher (in diesen Weltgegenden). Und das alles zu tun mit der Ungeduld, die aus der Blockade über fast ein Dutzend  Jahre entspringt. Israels Grausamkeiten haben alle tolerierbaren Grenzen überschritten. Sie haben Narben auf nahezu jeden/r einzelnen Bewohner/in von Gaza hinterlassen.

Frauen erlitten immer das Schlimmste bei einem Konflikt. Gaza ist keine Ausnahme. Sie hatten zu zusehen müssen, wie ihre Männer geopfert wurden und wurden im jugendlichen Alter Witwen, verloren ihren Ernährer und mussten zurechtkommen mit ihren Kindern und ohne oder nur geringe Mittel, sie ordentlich zu ernähren und gut zu erziehen – sogar sie sterben sehen unter dem erbarmungslosen Bombenhagel  der ungeheuerlichen israelischen Armee.

Das Leiden von Frauen und Mädchen ist unverhältnismäßig. Das war es, was Frauen aufgeweckt hat, um die Option „sicherer Ort“ und „beschützt werden“ aufzugeben. Im Gegenteil, es hat die Frauen dazu gebracht, hinauszutreten in eine befreiende Funktion. Sie haben die Passivität als Frauen abgelegt und sie haben verlangt, als Gleiche in die vorderste Front im Kampf um Gerechtigkeit einzutreten.

In dieser Ausgabe von Palestine Updates demonstrieren zwei sprechende Geschichten aus Gaza unser Argument. Sie sind Zusammenfassungen, aber wir raten Ihnen, nicht nur die ganze Geschichte nach dem Öffnen des Links zu lesen, sondern sie auch weiterzugeben, damit die Welt anfängt, die Funktion der Frauen in Zeiten des Konflikts zu begreifen – Geschichten von Mut und Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Barbarei, gegen Machtmissbrauch wie im Falle von Gaza.

Ranjan Solomon

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 Der Frauenmarsch von Gaza

Von Mersiha Gadzo   (https://facebook.us14.list-manage.com/track/click?u=70813d3d15ac4637582781b8e&e=c65db661d4e&e=267525e738) und Anas Jnena, Facebook Link:  =fcafe74f76&e=

Gazastreifen – Auf der einen Seite des Zaunes liegen dutzende israelische Soldaten in Bereitstellung hinter den Sanddünen und betrachten durch das Zielkreuz ihrer Waffen die palästinensischen Demonstranten. Auf der anderen Seite stehen junge Frauen mit ihren schwarz-weißen Palästinenser-tüchern, die sie wegen der Tränengasbelastung über das halbe Gesicht gezogen haben, vor den protestierenden jungen Männern und bieten ihnen Schutz.

„Frauen sind weniger in Gefahr, erschossen zu werden“, sagte die 26jährige Taghreed al-Barawi am 13. April, während sie mit ihrer jüngeren Schwester und einer Gruppe von FreundInnen am dritten „Freitags-Protest“ in Gaza nahe der israelischen Grenze teilnahm. „Wir leben in einer von Männern dominierten Gesellschaft und die Teilnahme von Frauen an Protesten kann für einige Leute in Gaza eine fremdartige Szene sein. Dieses Mal jedoch nehmen die Männer es besser an und ermutigen dazu. Es scheint, als hätten sie endlich realisiert, dass wir alle dazugehören und dass Frauen präsent sein sollen“, sagte Barawi. Aber weiblich zu sein ist keine Garantie für Schutz.

Einige 1.600 Protestierende, darunter 160 Frauen, wurden verwundet und mehr als 30 wurden seit dem Beginn der Großen Rückkehrmarsch-Bewegung am 30. März, der für die Palästinenser als „Tag des Brotes“ (oder Land-Tag)  erinnert wird, von israelischen Scharfschützen getötet. (Am Freitag, dem 4. Mai allein wurden mehr als 1000 Palästinser verwundet, darunter viele Frauen, berichtete ORF2).

Sogar obwohl Barawi viele Male versehentlich unter Tränengas geriet und das Gefühl hatte, sie wäre daran, ohnmächtig zu werden, kam ihr der Gedanke, aus dem Protest wegzulaufen, nicht in den Sinn. „Ich hatte das Gefühl eines seltsamen Mutes, oder, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll – es war, je näher ich der Grenze war, umso stärker wurde mein Wunsch, mich vorwärts zu bewegen. Vielleicht war es mir dringend, näher an unser Haus heran zu kommen und es zu besuchen (Gelände, das 1948 von Israel annektiert wurde).“

Der „Große Rückkehrmarsch“ ist eine gewaltlose Grassroot-Bewegung, die das Recht für palästinensische Flüchtlinge fordert, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen, wie es durch die UNO-Resolution 194 vorgesehen war, und von der sie 1948 vertrieben wurden, als der Staat Israel gegründet wurde. Tausende haben an dem Massen-Sit-In mit dutzenden Zelten teilgenommen, die entlang der Grenze mit Israel aufgestellt wurden. Jedes Zelt trägt als Aufschrift den Namen der Stadt, aus der die Familie 1948 vertrieben worden war. Es ist der größte Massenprotest, den Gaza seit der Ersten Intifada gesehen hat.

Das palästinensische Territorium mit fast 2 Millionen Einwohnern kann nur von Ägypten und Israel aus betreten werden, aber eine israelisch-ägyptische  Blockade schnürt dem Streifen seit elf Jahren die Kehle zu. Die Lebensbedingungen haben sich während der Jahre verschlechtert und die Arbeitslosenrate liegt um die 43 %. Die Bewohner sagen, sie haben nun ihren Schlusspunkt erreicht. Palästinenser haben seit Jahren jeden Freitag nachmittags entlang der Grenze von Gaza protestiert, aber das bemerkenswert Andere ist diesmal, dass eine große Anzahl von Frauen und Mädchen aktiv teilnehmen, in einem Ausmaß, wie man es noch nie gesehen hat.

Und darum tragen die Proteste an diesem Freitag die Überschrift „Frauenmarsch von Gaza“.

 

Was uns die Palästinenser über Volkswiderstand lehren können

„Die Menschen von Gaza erhoben sich nicht wegen palästinensischer politischer Parteien, sondern trotz dieser“. Von Ramzy Baroud      /Facebook siehe oben, Link: =57976035a6&e=

„Wir müssen von den jungen Palästinensern lernen, die mit nackter Brust vor den Scharfschützen und Mördern stehen, nur mit ihren Freiheitsliedern und ihrem Glauben an einen sicheren Sieg“, schreibt Baroud (Reuters).

Die laufende Volksmobilisierung an der Grenze von Gaza ist eine Erinnerung an frühere historische Ereignisse, bei denen das palästinensische Volk sich unisono erhoben hat, um die Unterdrücker herauszufordern und Freiheit zu fordern.

Palästinensischer Volkswiderstand (siehe Link: =75adbe4d3b&e=) ist weder ein neues Phänomen noch ist es ein fremdartiges. Massen-Generalstreiks und ziviler Ungehorsam, der sich gegen den britischen Imperialismus und die zionistischen Siedlungen in Palästina richteten, begannen vor fast einem Jahrhundert und kulminierten im sechs Monate langen Generalstreik von 1936. Seit damals ist Volkswiderstand ein Trittstein in der Geschichte Palästinas und er war ein prominentes Merkmal der Ersten Intifada, der Volkserhebung von 1987.

Es muss nicht extra betont werden, dass die Palästinenser keine Nachhilfe dazu brauchen, wie man Widerstand gegen die israelische Besetzung macht, Rassismus bekämpft und die Apartheid besiegt. Sie, und nur sie sind fähig, die richtige Strategie zu entwickeln und die Instrumente, die sie schließlich zur Freiheit führen. Heute ist die Notwendigkeit einer solchen Strategie dringender als zu jeder anderen Zeit, und dafür gibt es einen Grund. Gaza wird erstickt. Israels Jahrzehntlange Blockade, kombiniert mit arabischer Vernachlässigung und eine prolongierte Fehde zwischen den Parteien Palästinas haben miteinander dazu geführt, Palästinenser an den Rand des Verhungerns und der politischen Verzweiflung zu führen. Irgendetwas muss geschehen. Lesen Sie den ganzen Artikel unter Facebook, Link: =2647a14228&e=

 

Wie palästinensische Frauen erfolgreich zum gewaltlosen Widerstand anleiten

Rana Shubair hat ihre Kinder regelmäßig zum Protest mitgenommen, damit sie etwas von ihrer historischen Heimat erfahren können. Nur einige Kilometer entfernt liegen auf der anderen Seite von Israels abgezäunter Grenze Dörfer; viele von ihnen wurden während der Nakba zerstört und liegen jetzt als Ruinen da. Während sie ihnen erklärt, dass das meiste vom historischen Palästina jetzt zu Israel gehört, fragte das Kind ihrer Freundin: „Warum sagt ihr das nicht der Polizei?“ Shubair gab zurück: „Ich denke, dass das, was dieses Kind vorschlägt, das ist, was wir Palästinenser suchen – und das heißt: Israel zur Verantwortung ziehen und die Anwendung der UNO-Resolution 194 über das Recht auf Rückkehr fordern“, sagte Shubair und fuhr fort: „Als Palästinenserin gehöre ich zu ganz Palästina, und ich habe das Recht, jede palästinensische Stadt zu besuchen. Ich möchte Teil dieses Protests sein und die Veränderung mittragen, an die ich aus tiefstem Herzen glaube.“

(Übersetzung: Gerhilde Merz)