Frauen und die Befreiung von Palästina, 14.10.20

Frauen und die Befreiung von Palästina, 14.10.20

Palestine Update Nr. 412

Kommentar

*Frauen und die Befreiung von Palästina*

Befreiungsbewegungen weltweit hatten immer Frauen dabei, die während der Kämpfe lebens-wichtige Rollen ausfüllten. Wie Männer waren auch sie der Folter, Gefängnisaufenthalten, Trennung von ihren Familien und zahllosen Formen der Unterdrückung ausgesetzt. Trotzdem, wenn die Befreiung heraufdämmert, weist man den Frauen den Status der Zweiten zu, in der Politik und in der Gesellschaft als Ganzer. Da gibt es verschiedene ideologische Abstufungen in der Frauenbewegung. Organisationen älterer Frauen haben eher einen Mittelstands-Anstrich. Sie sind zufrieden mit philanthropischen Aktivitäten in der Sozialarbeit, für die sie als „gewöhnliche, arme, bedauernswerte Frauen“ gehalten werden. Sich über die bestehende soziale Ordnung zu erheben war nie innerhalb des Wirkungskreises ihrer sozialen Vision.

In einem Artikel „Israelischer und palästinensischer Feminismus – Post-koloniale Themen“ erklärt Elisabeth Marteu:

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„Die Geschichte der Frauenbewegungen in Israel und Palästina ist unbestritten verankert in der Geschichte eines Konflikts, der den Mittleren Osten geplagt hat.“ Sie beschreibt, wie der arabische Nationalismus in den frühen Jahren des 20sten Jahrhunderts aufgebrochen ist und Frauen erkannt hat, die „eine sehr wichtige Rolle in diesen verschiedenen Bewegungen ausgeübt haben, als helfende Mitarbeiterinnen, aber auch als Symbole dieser kollektiven Kämpfe“. 

Die politische Teilhabe der Frauen in der Politik – und deren nicht-Vorhandensein – wird am besten verstanden, wenn man die leeren Sitze rund um den Tisch der Entscheidungsträger zu sehen bekommt, und die sogar noch komplexere Realität der vielen Hindernisse und Herausforderungen, denen sich Frauen gegenüber sehen, wenn sie politische Räume einnehmen wollen, um eine Kraft in der politischen Arena zu werden. Es ist sichtbar, dass Frauen sich 2020 immer noch an den Rändern des politischen und öffentlichen Lebens befinden. Im globalen Trend hinken ihre Zahlen immer noch weit hinterher, während sie einen gerechten Platz in den politischen Räumen suchen. Strukturelle, sozioökonomische, institutionelle und kulturelle Schranken bauen sich vor ihnen auf.

Im palästinensischen Kontext, besonders beginnend mit der ersten Intifada, spielten Frauen eine bedeutende Rolle. Viele haben sich beklagt, dass ihre politische Teilhabe stattfand, ohne von ihren Familien identifiziert zu werden. Sie gehören mit zu den Zahlen jener, die mitten in der Nacht ihre Wohnungen heimlich verlassen haben, um sich Soldaten entgegen zu stellen. Es gibt Geschichten von weiblichen Märtyrern während der zweiten Intifada, die sich an belebten Plätzen in Angriffen auf Israelis in die Luft gesprengt haben.   

Leila Khaled, eine ‚Ikone der Befreiung Palästinas‘, pflegt als ‚das Plakatmädchen der palästinensischen Militanz‘ bezeichnet zu werden; Leila Khaleds Bild zuckte rund um die Welt, nachdem sie 1969 ein Passagier-Flugzeug entführt hatte. Das Bild einer jungen, entschlossen wirkenden Frau mit dem karierten Shawl, die nach der AK-47 griff, war ebenso bestimmend für ein Zeitalter wie das von Che Guevara … Leila Khaled’s Beispiel gibt über ein bemerkenswertes Leben ein einmaliges Bild vom Kampf der Palästinenser – von der Spannung zwischen bewaffnetem und politischem Kampf bis zum Niedergang der säkularen Linken und dem Aufstieg von Hamas, und der Rolle der Frauen in einer überwiegend männlichen Bewegung. 

Khaled (76) war für eine Diskussion mit dem Titel „Wessen Narrative? – Gender, Gerechtigkeit & Widerstand: Ein Gespräch mit Leila Khaled“ vorgesehen und als palästinensische Feministin, Militante und Führerin beschrieben. Zoom ließ den Auftritt  ausfallen und die Organisatoren bezeichneten dieses als Versuch, palästinensische Narrativen zum Schweigen zu bringen. Palästinensische Feministinnen haben in dieser Entscheidung gegen Khaled einen Versuch gesehen, hegemoniale koloniale und zionistische Vorstellungen über den Osten zu konfrontieren, und die Palästinenser, im besonderen palästinensische Frauen als Monster, Terroristen, rassistisch „Andere“ außerhalb des Reiches der Menschlichkeit zu konstruieren. 

Wir laden unsere LeserInnen ein, den Artikel „Palästinensischer Feminismus“ zu lesen und weiterzugeben, der von der „Palästinensischen feministischen Arbeitsgruppe“ zusammen-gestellt wurde.

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Es ist ein kurzes Lesen, aber eines, das herausfordert und die Leser zu einer Nachdenkpause über den Ort des Geschlechts (Gender) in politischen Kämpfen einlädt. Das Lesen fordert auch heraus zur Frage: Wenn Frauen solche bedeutende Rollen während des Befreiungs-kampfes innehatten, warum finden sie sich rund um die Erde bei den Auswirkungen von Freiheit und Befreiung außerhalb der gleichen Aufteilung der Macht? Warum müssen sie Plätze an den Rändern akzeptieren, obwohl sie die gleichen und oft viel höhere Opfer gebracht haben als Männer? 

Gleichwertige Teilnahme an der politischen Ära muss zusammengehen mit den Kämpfen um Befreiung. Wenn das nicht bewusst geschieht, werden die Situationen nach der Befreiung Frauen in ungleichen Situationen in der politischen Arena zurücklassen. Khaled, und die überwiegende Anzahl anderer Feministinnen, die jetzt am Kampf teilnehmen, müssen diese Agenda in den politischen Diskurs einbringen. Mit gleichem Bewusstsein begabte Männer sollten in Partnerschaft mit den Frauen arbeiten, um den rechtmäßigen Platz für die Frauen im politischen Leben zu sichern. Gendermäßig gerechte Gesellschaften müssen als Sitzplatz-halter für eine egalitäre Gesellschaft in jedem Bereich der Gesellschaft, ob politisch, wirtschaftlich, sozial oder kulturell dienen. 

Ranjan Solomon

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*Palästinensischer Feminismus*

Von der „Palästinensischen feministischen Arbeitsgruppe“

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Am 23. September 2020 blockierte die vereinigte digitale Plattform Zoom ein Online-Klassentreffen über die palästinensische Freiheitskämpferin Leila Khaled. Das Stück unter dem Titel „Wessen Narrativen? Gender, Gerechtigkeit und Widerstand: Ein Gespräch“ wurde von den Professoren Rabab Abdulhadi und Tomomi Kinukawa gemeinsam organisiert und vom Studien-Programm „Arabische und Muslimische Ethnien und Diasporas“ (AMED) und der Abteilung für Frauen- und Genderstudien an der San Francisco State University gemeinsam gesponsert. Beim Teil von AMED’s Teaching Palestine – Pädagogische Praxis und die Unsichtbarkeit der Gerechtigkeit – war das Online-Treffen der erste der zweiteiligen Serie über  Gender und sexuelle Gerechtigkeit in arabischen, muslimischen und palästinensischen Gemeinschaften. Das Ereignis erhielt eine beschämende Einwirkung der Rolle, die technische Firmen spielen können im ausgedehnten Feld von rassistischer, patriarchalischer und zionistischer Unterdrückung von palästinensischer Sprechweise. Im Besonderen illustriert es laufende Versuche, die palästinensischen Narrativen zum Schweigen zu bringen – und dabei die spezifisch palästinensischen feministischen Narrativen – die nicht nur die Stimmen der Frauen laut werden ließen, die eine grundsätzliche Rolle bei unseren historischen Befreiungskämpfen spielten, sondern im allgemeinen eine geschlechterabhängige Analyse unserer derzeitigen Kämpfe um Freiheit von patriarchalischer Gewalt und die Maschinerie der siedler-kolonialen Enteignung zeigten.  

Von unserem Standpunkt als palästinensische Feministinnen aus, die israelischer kolonialer Okkupation und Enteignung ausgesetzt sind, bekräftigen wir, dass die Stimmen, Erfahrungen und Narrativen der palästinensischen Frauen durch die gleiche Gewaltstruktur lange überwacht, ausgespäht und zum Ziel genommen wurden wie ebenso unsere Körper, unsere Sexualität, unsere Ländereien und unser Leben. Wir verstehen, dass die versuchte Entwertung und Ausmerzung unserer Narrativen als palästinensische Feministinnen im Innersten zusammenhängt mit der versuchten Ausmerzung unserer einheimischen Geschichte und Gegenwart in unserem Heimatland. Wenn wir schreiben oder sprechen über die Ungerechtigkeiten, mit denen unser Volk konfrontiert ist, einschließlich der Geschichten über Gender und sexuelle Gewalt, die ständig über unsere Gegenwart informieren, haben viele von uns Israels gewaltige Versuche erlebt, unsere Stimmen totzuschweigen und wenn wir dennoch reden, uns aus dem Spiel zu nehmen und zu bestrafen mit politischer, professioneller und persönlicher Unsichtbarkeit. 

Wir erkennen dieses Ereignis auch als Fortsetzung im breiteren Kontext der Zensur von Palästina in den Vereinigten Staaten, einem Lackmus-Test für andere marginalisierte Gemeinschaften, die sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit aussprechen. Im Dezember 2019 unterzeichnete Donald Trump einen Befehl an die Agenturen der Regierung, einschließlich der US-Abteilung für Erziehung, eine verquere Definition von Antisemitismus einzuführen, um die freie Rede über Palästina zu zensurieren, nachdem Versuche gescheitert waren, ein ähnliches Gesetz in den Kongress zu bringen. Dieser Befehl hat die Israelfreunde ermutigt, Gelehrte, Studenten, Institutionen und andere, die sich gegen die israelische Verletzung von palästinensischen Rechten aussprechen, weiterhin zu attackieren. Zoom, und später Facebook und YouTube zogen ihre Dienste  an SFSU zurück, nachdem tausende Zionisten dafür eintraten, dass die Plattform nur in Beziehung zu diesem überhöhten Kontext von Überwachung und Unterdrückung der Rede über Palästinenser in den Vereinigten Staaten verstanden werden kann. In der Tat, diese Bewegung setzt einen gefährlichen Präzedenzfall für die Ausweitung der laufenden Praktiken von Unterdrückung in virtuellen Räumen, nicht nur für Palästinenser, sondern ebenso für andere Gruppen von Minderheiten.

Da wir zunehmend abhängen von digitalen Plattformen, um an das breitere Publikum heranzukommen, und besonders, weil der Abstand von Mensch zu Mensch in der Zeit von COVID-19 enger geworden ist, wissen wir, dass diese Art von Unterdrückung als  Waffe benutzt wird, um jede und alle marginalisierten Gruppen, die digitale Räume benutzen, um ihrer Opposition gegen die unterdrückerischen Systeme, unter denen wir leben, zum Schweigen zu bringen. Während wir akut die systemische Logik des anhaftenden Rassismus in digitalen Technologien für dem Rassismus zugänglichen Gemeinschaften erkennen,

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produzieren digitale Plattformen auch Gelegenheiten für soziales Verhalten angesichts der Ausmerzung.

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Wenn digitale Plattformen weiterhin die Macht haben, die Themen der Konversation zu diktieren, und wenn wir weiterhin um Erlaubnis bei massiven technologischen Zusammen-ballungen zu fragen haben, ob wir unsere vitalen Geschichten teilen dürfen, können wir nur eine weitere Einschränkung erwarten, die der palästinensische Gelehrte Edward Said „Erlaubnis zu erzählen“ nannte (1984). Als palästinensische Feministinnen kennen wir die Hindernisse für dieses Moment allzu gut. 

Außerdem ist die Zensur von AMED’s „Wessen Narrativen?“ Online-Treffen ein kräftiges Beispiel für die Bewaffnung der Sprache und die hegemoniale Narrative des Unterdrückers, um unsere Widerstandsgeschichten zum Schweigen zu bringen. Um die Ablehnung seiner Dienste gegenüber dem Gremium zu rechtfertigen, stellte Zoom fest, dass „angesichts der vom Redner berichteten Nähe oder Mitgliedschaft in einer von USA bestätigten  ausländischen terroristischen Organisation … entschieden wir, dass das Treffen die „Terms of Service“ von Zoom verletzt.“  Die dargestellte Logik verweist auf die Entscheidung, was Terrorismus bestimmt. Als eine herrschende Macht in der Region führt USA fort, Israel mit eindeutiger finanzieller, ideologischer, militärischer und diplomatischer Unterstützung zu versehen. Um Khaled‘s eigene mächtige Worte zu paraphrasieren, ist es nicht Terrorismus, der Okkupation und Kolonisation seines Landes und Volkes zu widerstehen. Der wahre Terrorismus ist die zionistische Okkupation selbst. 

Koloniale Mächte haben in der Geschichte die Bedeutung von Terrorismus so instrumentalisiert, dass er sich auf besondere Akteure bezieht, und nicht auf Aktionen, und damit wurde die Zuflucht zur Gewalt delegitimiert, unabhängig von den Zielen oder Taktiken gewisser Akteure und im Vergeben von Gewalt der mächtigsten Staaten. Dieser Prozess hat in 

der Zivilisation zu Bildern geführt, um die Anwendung von Gewalt durch Indigene, schwarze und braune Krieger als barbarisch, wild und jenseits der Grenzen der regulierten Kriegführung

zu beschreiben. Während die internationale Gemeinschaft das Recht aller Völker – einschließlich der Palästinenser – anerkannt hat, Gewalt „gegenüber kolonialer Beherrschung und fremder Okkupation und gegen rassistische Regime in der Ausübung ihres Rechts auf Selbstbestimmung auszuüben“, haben Israel und die Vereinigten Staaten sich geweigert, dieses Recht anzuerkennen und fahren weiter fort, jede Anwendung von Gewalt durch nicht-staatliche Akteure als kriminell und terroristisch anzuprangern. Gleichzeitig haben die USA und Israel ihre Gewalt als Verteidigung und gesetzeskonform dargestellt, auch wenn ihre Streitkräfte Schulen, Spitäler, Kraftwerke, Anbauflächen, Menschenansammlungen zu Beerdigungen, Schul-Abschlussfesten und Hochzeiten angegriffen haben. 

Als ein Kollektiv von palästinensischen Feministinnen, die vor allem ihre Basis in USA haben, verstehen wir dieses als Teil unserer Pflicht, uns den hegemonialen, kolonialen und 

orientalistisch zionistischen Einbildungen zu stellen, die Palästinenser, und im Besonderen palästinensische Frauen als Monster, Terroristen, rassistisch „Andere“ außerhalb des mensch-lichen Rahmens konstruieren. Wir anerkennen laufende Versuche, Geschichten des Kampfes als „terroristisch“ zu pervertieren und abzulehnen als Teil einer derzeitigen Rechtsprechung,

die darauf zielt, unsere indigene Existenz abzuschaffen. Es ist uns bewusst, dass Angriffe auf  Palästinenser oft die Eingangstür sind für breitere Angriffe auf emanzipatorische Bewegungen

und sowohl weit von Ausnahmen und eine Sache für allgemeine Betroffenheit sind. Als palästinensische Feministinnen bewundern und ehren wir Leila Khaled, wie wir auch alle palästinensischen Frauen zu Hause und im Exil bewundern, die gekämpft haben, damit  derzeitige und zukünftige Generationen von PalästinenserInnen existieren und existieren werden. Es ist unsere Ehre, dieses Legat durch unsere feststehende Verpflichtung zum Befreiungskampf für die Palästinenser zu führen. 

Noura Erakat, Assistenzprofessorin für afrikanische Studien, Rutgers Universität Dr. Sarah Ihmoud, Assistenzprofessorin für Anthropologie, The College of the Holy Cross Dr. Hana Masri, Fellow mit Doktorat, Zentrum für fortgeschrittene Forschung in globaler   Kommunikation, University of Pennsylvania, Maisa Morrar, Gesundheits-Assistentin und Mitglied des Palestinian Youth Movement  Dr. Loubna Qutami, Assistenzprofessorin für Asiatische und afrikanische Studien, UCLA Basima Sisemore, Forscherin, Othering & Belonging Institute, UC Berkeley Randa M. Wahbe, PhD-Kandidatin für Anthropologie, Harvard Universität

(übers.: Gerhilde Merz)