*Keine Macht kann eines Volkes Entscheidung zurückdrängen, Ungerechtigkeit anzuprangern*

Palestine Update Nr 230 – Keine Macht kann des Volkes Entscheidung … 5.4.19

Meinung

 *Keine Macht kann eines Volkes Entscheidung zurückdrängen, Ungerechtigkeit anzuprangern*

 „Wenn Ungerechtigkeit Gesetz wird, wird  Widerstand zur Pflicht“ (Thomas Jefferson)

Am vorletzten Wochenende berichtete der „Palestine Monitor“ , dass „in der ganzen anglo-phonen Welt tausende Menschen am 30. März mit Palästina solidarisch waren – dieses war  der erste Jahrestag der Proteste zum „Großen Rückkehrmarsch“ und die 43. Wiederkehr des „Land Tages“. Versammlungen, Workshops und Demonstrationen wurden rund um die Erde

von Toronto und Miami bis London, Wien und Sydney abgehalten, während 40.000 Bewohner des Gazastreifens entlang dem Israel-Gaza-Trennzaun protestierten. Die inter-nationale Solidaritätsbewegung forderte wieder einmal, dass Israel seine 70 Jahre dauernde Okkupation beende, die physisch, sozial und wirtschaftlich Verwüstung über Generationen von Palästinensern brachte. Dieses globale Aufstehen mag gerade andeuten, dass dem Kampf internationale Flügel gewachsen sind, und diese neue Energie und Ausschüttung von Kraft gegen die Okkupation sind gefährliche Signale für Israel.

Israels genocidale Wege mögen in Gaza enormes Leiden verursacht haben, wo die Blockade von mehr als 10 Jahren für den Menschen unermessliches Leid verursacht hat. Es hat den Willen zurückzuschlagen nicht vernichten können. Der „Große Rückkehrmarsch“ ist die jüngste Form des friedlichen Widerstands der Palästinenser gegen die israelische Besetzung. Trotz der friedlichen Absichten von der Seite Gazas fand eine unabhängige UN-Kommission zur Umfragen-Berichterstattung „vernünftige Gründe“ zur Feststellung, dass Israel schuldig sei an Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wegen der Anwendung von tödlicher Gewalt des IDF-Personals (IDF = Israel Defence Force) gegen Zivilisten bei den Demonstrationen 2018.

Auch wenn es Erfolge bei der Mobilisierung und Strategie der Menschen gibt, darf der Alarm dort nicht einschlafen. Und dieser Alarm ruft den Leuten in Gaza und ihren internationalen Unterstützern zu, die Wachsamkeit nicht sinken zu lassen, wenn sich kleine Erfolge zeigen. Erfolg muss die Leute anspornen, Hürden von noch höherer Wirkung zu nehmen.

Palestine Updates bringt zwei schnell zu lesende, aber Einsicht vermittelnde Artikel über den „Großen Rückkehrmarsch“. Sie helfen zum Verstehen darüber, wie der Kampf zunimmt und  wie die Solidarität zu dem Kampf in zunehmendem Maße wächst.

Ranjan Solomon

————————————————————————————————–

*Zusammenkommen, um die dunkle Ära der Ungerechtigkeit zu beenden*

*Von Ahmed Abu Artema*

Der „Große Rückkehrmarsch“ hat seinen ersten Jahrestag erreicht. Am Freitag marschierten tausende palästinensische Männer, Frauen und Kinder von allen politischen Richtungen – wie jeden Freitag zuvor. Aber wir sind nach diesem einen Jahr nicht näher vorwärtsgekommen um Israels Ende seiner illegalen 12 Jahre dauernden Blockade auf Gaza zu sehen.

Dieser dicht besiedelte Landstreifen, umgeben von israelischen Barrieren, ist seit langem ein Gefängnis für das dort wohnende palästinensische Volk. Schaut nach Osten, und ihr seht den Zaun, bestückt mit Gewehren und Soldaten, die bereit sind, jeden Palästinenser zu töten, der zu nahe kommt. Schaut nach Westen, und ihr seht israelische Militärboote, die von der Seite der Küste des Mittelmeers her drohen und jeglichen Eintritt oder Austritt verbieten – alles das trotz der Behauptung Israels, sich 2005 zurückzuziehen.

*Das Ungeheuer – den Behemoth – aufwecken*

Als ich vor einem Jahr zum Großen Rückkehrmarsch aufrief, konnte ich nicht ahnen, dass es der schlummernde Behemoth war, den ich aufweckte. In den drei Monaten vor dem Marsch waren die Palästinenser mit ihren verschiedenen Ideologien und politischen Meinungen voll von Motivation und Hoffnung. Aktivisten der Zivilgesellschaft, Jugendgruppen, Schriftsteller, Künstler, Frauenrechts-Organisationen und Journalisten drückten ihre absolute Unterstützung für diese friedliche Alternative aus. Sogar Mitglieder von bewaffneten Fraktionen waren in der Lage, dahinter zu stehen.

Aber: Von drüben erschossen sie Ärzte, Journalisten und sogar Behinderte in einer beispiellosen Missachtung der internationalen Menschenrechte und des Völkerrechts.

Was als Facebook-Eintragung begonnen hatte, verwandelte sich in eine historische Bewegung und gab Israel eine beispiellose Gelegenheit: Palästinenser ließen sich ermutigen, friedlichen Widerstand durch Worte und Kultur aufzubauen an Stelle von Gewehren und Gewalt. Aber statt darauf einzugehen, wandte Israel sich der Gewalt zu. Am 30. März 2018 töteten israelische Soldaten friedliche Demonstranten, die keinerlei Bedrohung darstellten. Scharf-schützen saßen in Beobachtungstürmen an sicherer Stelle – und schossen auf und ermordeten Frauen und Kinder. Sie erschossen medizinische Helfer, Journalisten und sogar die Behinderten unter beispielloser Missachtung der internationalen Menschenrechte und des Völkerrechts. Das waren vermeidbare Tötungen. Sie kamen nicht als Antwort auf eine physische Bedrohung durch das palästinensische Volk, sondern aus dem Wunsch, genau die Idee zu ermorden, die die friedlichen Demonstranten verkörperten. Wie das alte Sprichwort sagt: „Es ist leichter, einen Menschen zu töten als eine Idee“.

*Unbestreitbares Recht auf Rückkehr*   

Für Israel ist das palästinensische „Problem“ ein Konzept, das der internationalen Gemeinschaft leichter zu verkaufen ist, wenn die Palästinenser als gewalttätig und bewaffnet etikettiert werden können. Die Wirklichkeit jedoch ist, dass der Große Marsch die friedlichen Gesichter der Männer, Frauen, Kinder und älteren Bewohner Gazas zeigt. Der Bedeutung des Marsches kann nichts unterstellt werden. Er ist symbolisch für die Absicht des palästinensischen Volkes, friedlich weiterzumachen, um für ihr unbestreitbares Recht auf Rückkehr zu kämpfen. Sie sendet die Botschaft aus, dass Millionen von Flüchtlingen, die auf dem ganzen Globus verstreut sind, nach Hause zurückkehren müssen. Es ist ihr Recht. Es darf nicht länger als eine akademische Übung oder eine theoretische Frage behandelt werden. Es ist praktisch erreichbar und muss so behandelt werden. Der sehr viel größere Teil des Landes, in dem die Flüchtlinge gelebt hatten, bevor Israel sie 1948 vertrieben hat, ist entweder noch leer oder nur dünn besiedelt. Mit dem richtigen politischen Willen wäre es möglich, die Tragödie, die Millionen palästinensischer Flüchtlinge zur Folge hatte, zu beenden und eine friedliche Existenz an der Seite der jüdischen Nachbarn sicher zu stellen.

Wir wollen eine Lösung auf der Basis von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit. Das heißt ein Land, wo die eingeborenen Palästinenser mit ihren jüdischen Nachbarn entsprechend der geteilten Werte von Bürgerschaft, gleichen Rechten und internationaler Gerechtigkeit zusammenleben können – nicht in einem Staat „nur für das jüdische Volk“, wie Premier-minister Benjamin Netanyahu es versteht, sondern in einem, den wir miteinander teilen können.

*Die palästinensisch-israelische Beziehung neu definieren*

Sicher ist: die derzeitige Situation ist unerträglich. Als Israel die Palästinenser 1948 vertrieben hatte, hoffte es, sie würden sich in ihren Bestimmungsländern ansiedeln, und ihre Heimat schnell vergessen. Aber heute, 70 Jahre nach der Vertreibung, sehnen sich die Palästinenser noch nach einer Heimat, die ihnen so lang verwehrt wurde. Das Recht auf Rückkehr ist mehr als eine politische Feststellung: Es ist eingegraben in der Natur dessen, was es heißt, Palästinenser zu sein, verwurzelt in der palästinensischen Kultur und Literatur,

und im Gemüt der Flüchtlinge, die in Lagern und in fremden Ländern rund um den Globus leben. Es existiert in Kunstwerken, in den Namen auf Geschäften und Gebäuden, und in der mündlichen Überlieferung – und dafür steht der Große Rückkehrmarsch. Das ist ein Recht, das nicht vergessen oder hinterfragt werden kann. Angst existiert über das Recht der Rückkehr, aber die Angst kommt aus der Ungerechtigkeit. Eine Lösung gibt es, aber wir müssen die palästinensisch/israelische Beziehung auf der Basis der Gleichheit neu definieren, und nicht über Vertreibung und rassistischer Diskriminierung. Wir müssen die Ko-Existenz akzeptieren, die auf den gemeinsamen Prinzipien der Menschlichkeit beruhen – und nicht auf Okkupation und Hass. Lasst uns zusammenkommen, um diese finstere Zeit von Ungerechtigkeit und Leiden zu beenden, und an deren Stelle die Basis für Frieden und Stabilität auf der Erkenntnis des Rechtes aller Völker auf Freiheit, Gleichheit und Rückkehr aufbauen.

Quelle: https://facebook.us14.list-manage.com/track/click?u=70813d3d15ac4637582781b8e&id=5e03578abf&e=bb7a291c18

*Ahmed Abu Artema ist palästinensischer Journalist und Friedensaktivist. Geboren in Rafah 1984 ist Abu Artema ein Flüchtling aus dem Dorf Al Ramla.

 Das Massaker von Gazas Großen Rückkehrmarsch: Ein Wendepunkt?*   

*Von Nada Elia*

Die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem am 14. Mai 2018 hat Salz in offene Wunden gerieben. Während die „Beraterin für den Präsidenten“ Ivanka Trump lächelnd neben einem triumphierenden Benjamin Netanyahu im Herzen der illegal annektierten Altstadt stand, engagierte sich Israel keine 100 km weiter im Westen an einem anderen Massaker. Dutzende Menschen wurden in Gaza ermordet und tausende innerhalb der sechs Wochen zwischen dem Land-Tag und dem Nakba-Tag beim Großen Rückkehrmarsch verletzt, und viele der Verwundeten siechen in den schlecht ausgerüsteten Spitälern von Gaza noch vor sich hin. Die Belagerung von Gaza, dessen Bewohnerschaft zum größten Teil aus Flüchtlingen besteht, schockiert weiterhin die Region mit dem, was als „wachsender Genocid“ beschrieben wird.

*Weiterführende Nakba*

Das ist es, was die Palästinenser meinen, wenn sie sagen, die Nakba geht weiter. Die schlimmen Dinge gegen uns wurden nicht nur einmal, 1948, verübt. Sie gehen bis zum heutigen Tag weiter mit Vertreibung, mehr Landdiebstahl und mehr Massenmord. Was nach jedem Massaker seit einigen Jahren passiert, führt zu weltweiten Protesten, während eine wachsende Anzahl von gewissenhaften Menschen öffentlich Israels Aktionen verurteilen und ihre Unterstützung für die Solidaritätskampagne Boykott, Divestment, Sanktionen (BDS) ankündigen. Wir sehen zuletzt Sprünge in der Maske Israels, an der Fassade der Demokratie, mit der es im Westen viele zum Narren gehalten hat. Die Proteste sind notwendige Ereignisse, um Solidarität mit den Palästinensern auszudrücken und den Politikern zu zeigen, dass die Öffentlichkeit diese neueste offensive Bewegung nicht gutheißt. Die öffentlichen Auftritte von Künstlern, die Israels Kriminalität aufzeigen, sind lange überfällige Schritte, Israel zu einem Pariah-Staat zu erklären; sie werden mehr als attraktive Ziele für Kultur und Tourismus begrüßt. Wie der Mit-Gründer der Electronic Intifada, Laurie King, und ich 2011 in einem Leitartikel fragten: Warum soll man kritisch mit Künstlern wie Beyonce, Usher und Mariah Carey – alle drei gaben private Vorstellungen für die Gaddafis – umgehen, wenn man sich nichts denkt bei Madonna und Lady Gaga, wie sie Netanyahu schöntun und sich manchmal direkt in die israelische Flagge einwickeln, während viele andere Israel verteidigen, indem sie sich offen für die Apartheid und die ethnische Säuberung aussprechen.

Aber heute, wenn israelische Politiker aus voller Brust erklären, es gäbe keine unschuldigen Protestierer in Gaza, und dass alle Marschierer legitime Ziele seien, und wenn israelische Bürger wiederholt ihre Unterstützung für das Töten von Palästinensern erklären, sehen wir zuletzt wirklich die Sprünge in Israels Maske, in der Fassade der Demokratie, mit der es viel vom Westen genarrt hat.

*Alte imperiale Ordnung“

Immerhin, wir können uns jetzt nicht zurücklehnen. Stattdessen müssen wir dabei bleiben, Israel zu entlarven, sodass es sich von der derzeitigen Kritik nicht erholen kann, wie es nach früheren Massakern und den darauf folgenden Protesten immer wieder geschehen ist. Das Massaker am Nakba Tag und die Eröffnung der neuen US-Botschaft waren keine Verirrung. Analytiker argumentieren, dass die Übersiedlung der US-Botschaft nach Jerusalem eine Fortführung der langen Praxis im Mittleren Osten seit 1967 eher als die Verabschiedung davon ist. Ich würde dazu setzen, dass es nicht nur eine Verlängerung der US-Politik ist, sondern von einer viel älteren imperialen Ordnung – in der Tat, diese alte imperialen Ordnung führte zur Geburt der USA. Das vergangene Jahrhundert der palästinensischen Geschichte war ein schmerzvoller Hüpfer extremer Ungerechtigkeit, den man dem eingeborenen Volk zumutete, gefolgt von Aufständen, die in der Folge gewaltsam unterdrückt wurden, bis das Volk sich wieder erhob und Gerechtigkeit forderte. Die Revolten, einschließlich jener von 1936-39 gegen das britische Mandat, und die Intifadas, die 1987 und 2000 begannen, haben viele Formen angenommen von bewaffneter Erhebung bis zu friedlichen Protesten. Sie wurden ohne Unterschied mit unverhältnismäßiger Gewalt von Seiten des kolonialen Unterdrückers beantwortet, beginnend mit England, das zuerst kriegerische Gewalt einführte und viele der Maßnahmen erfand, die Israel bis heute zur Diskriminierung der Palästinenser anwendet bis zu voll aufgestellten Massakern, die Israel zurzeit routinemäßig anwendet. Diese Massaker werden heute von den USA möglich gemacht, die Israel die notwendige finanzielle und diplomatische Unterstützung geben, um Straflosigkeit zu gewährleisten. In der Schlussfolgerung des grundlegenden Buches „Orientalismus“ (1978) schrieb Edward Said, dass der Aufstieg der USA zur globalen Herrschaft es in die Position versetzte, die Großbritannien einmal innehatte, als es arrogant feststellte, „dass die Sonne im British Empire niemals untergeht“. Die Botschaft der USA in Jerusalem bestätigt die Weisheit Saids Jahre nach seinem unzeitigen Tod.

*Vision jenseits des Protests*

Während der vergangenen paar Jahre kam eine andere regelmäßige Schrift über Massaker auf, nämlich die Deklaration, dass „dieses ein Wendepunkt ist“. In jüngster Zeit wurde der Große Rückkehr-Marsch mit dem Überschreiten der Edmund Pettus Brücke verglichen

Facebook Link: =91f3a08343&e=

im Süden der USA, und das Massaker am Nakba-Tag wurde als das „palästinensische Sharpville“ beschrieben. Der Große Rückkehr-Marsch wird jedoch erst zum Wendepunkt gemacht, wenn wir ihn dazu machen. Wenn wir auf eine Veränderung zugehen wollen, müssen wir dieses mit einer Vision jenseits der Proteste organisieren. Bis jetzt waren die Proteste spontane Erhebungen gegen die Ungerechtigkeit mit wenig Planung darüber, was kommen wird, nachdem wir uns an den Straßenecken und in öffentlichen Parkanlagen versammelt haben, um unseren Schmerz, unsere Beleidigung und unsere Solidarität hinauszuschreien.

Wenn wir das Jahrhundert der Balfour-Deklaration und den 70. Jahrestag der Nakba hinter uns lassen, mitten unter der erneuerten Selbstüberhebung der heutigen imperialen Führer, ist es zwingend, dass wir uns auf die Planung der Zukunft konzentrieren statt nur zu protestieren.

Ultimativ: Es ist nicht die Reichweite des Massakers, das bestimmt, ob es ein Wendepunkt ist. Eher gilt, wie gut wir unsere Mobilisierung und Organisation unterstützen, damit dieses nicht nur eine Episode im langen Band der Ungerechtigkeiten wird.

Es obliegt uns, den palästinensischen Widerstand nicht durch einfaches Ablesen der Namen der Toten zu ehren, sondern durch Mobilisieren, Organisieren und strategisch Durchdenken absichern, damit dieses Massaker nicht das „jüngste“, sondern das „letzte“ ist.

Quelle: Facebook Link: =5e125ff198&e=

*Nadia Elia ist palästinensische Schriftstellerin und politische Kommentatorin in der Diaspora. Sie ist ein Mitglied des Steuerungs-Kollektivs der „US-Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott von Israel“

(Übersetzung: Gerhilde Merz)

   

Mach mich nicht für einen Tag zum Freund – und verlass mich nach einem Monat!

Komm mir nicht zu nahe, wenn du mich doch verlassen wirst.

Versprich nicht, was du nicht halten willst!

Sei mir nah‘ – oder geh‘!

Mahmoud Darwish