Kritik an Israels Untaten irrtümlich als Antisemitismus gedeutet

Palestine Update Nr. 96 – 14. Dezember 2017

Kritik an Israels Untaten irrtümlich als Antisemitismus gedeutet

Meinung

Wenn Kritik an israelischem Fehlverhalten irrtümlicherweise als Antisemitismus gedeutet wird …

Wie lange werden Israel und seine europäischen Unterstützer die Verbrechen der Besetzung verhehlen, indem sie Antisemitismus vortäuschen.

Jegliche Kritik an Aktionen und Praktiken des israelischen Regimes werden bequem als Antisemitismus und Hassreden denunziert. Zur gleichen Zeit werden offensive Beschimpfungen der Muslime, ihres heiligen Buches, prophetisches und anderes Heiliges als eine Frage der Redefreiheit verteidigt. Der heuchlerische Zugang der US-Regierung und ihrer Verbündeten in Europa, gleichzeitig mit den Mainstream-Medien dieser Länder gegenüber dem Konzept der Redefreiheit ist äußerst verwunderlich.

Die Zweite Intifada 2000 ließ eine Periode aufkommen, mit der die westliche Welt die Rolle der Schutzmacht des israelischen Regimes übernahm und Kritik an Israel als antisemitisch bezeichnete.

In der Folge begann Israel seinem Ärger über die Erfolge der BDS-Bewegung Luft zu machen. Es wird die Wahrheit über Firmen hinunterspielen, die in israelischen Siedlungen tätig sind. Die Siedlungen selbst stehen auf gestohlenem Grund und sind also an sich Kriegs-handlung. Firmen, die in die Siedlungen investiert haben und dort arbeiten, unterliegen in Konsequenz der Verfolgung nach dem Völkerrecht, weil sie die Invasion mittragen. Israels Angst besteht darin, dass sich eine Firma, die sich der Überprüfung wegen Verletzung des Völkerrechts zu stellen hat, damit dem Risiko einer Untersuchung durch den internationalen Gerichtshof aussetzt. Israel weiß, dass die BDS-Kampagne sehr großen Zuspruch erhalten würde, und dass auch eine einzige Verhandlung Investitionen von außen verlangsamen würden. Weil Israel sich vor dieser Drohung fürchtet, bedroht es seinerseits die Bewegung und ihre Befürworter. Daher klagt Israel die gewaltlose BDS-Kampagne als „antisemitisch“ an. Das ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass der Jüdische Staat, der heute kontrolliert wird durch rechtsgerichtete Zionisten, sich grenzenlos in kriminelle Aktionen gegenüber Palästinensern verwickeln kann und immer Straflosigkeit fordert und tatsächlich erhält. „Antisemitismus“ wird dafür als Vorwand gebraucht.

Dr. Ludwig Watzal schrieb im „Global Research“-Magazin nach Trumps Erklärung über Jerusalem, wie es in Deutschland modern geworden war, die Kritik an Israels Fehlverhalten in Verruf zu bringen. Er notiert mit Abscheu „wie unter deutschen Politikern und kriecherischen Medien der Antisemitismus-Club immer zur Hand ist, um Kritik zum Schweigen zu bringen und jede Kritik an Israel als „antisemitisch“ zu stigmatisieren“. Er fügt seiner Aussage hinzu: „Es funktioniert immer noch, obwohl wir im 21. Jahrhundert leben und nicht im Mittelalter. Bezugnehmend auf Karl Marx kann man sagen: Ein Geist geht um in Deutschland, das Gespenst des Antisemitismus. (siehe Facebook).

Antisemitismus kann nicht mehr als Entschuldigung benutzt werden, um die Kritiker von Israel zu demoralisieren und zu entmutigen. Die gewissenhaften und erwachten Menschen in Europa, Afrika, Asien und Amerika wissen, dass der israelische kolonialistisch-rassistische Staat ein staatlicher Unterstützer von Terrorismus ist und ein Spitzbubenstaat, der bestraft werden muss, um über seine Verbrechen während der vergangenen 70 Jahre zu erfahren.

Bald wird es dann nicht mehr modern sein, „Antisemitismus“ zu schreien. Es wird zur gleichen Antwort kommen, als wenn ein kleiner Junge „Wolf“ brüllt – und es ist keiner da. Israel wird sich isoliert vorfinden und verachtet wegen seiner unberechenbaren  und grausamen Aggression. Und was dann?

Ranjan Solomon

Wenn Israels Besetzung nicht beendigt wird, wird sich der „Antisemitismus“ weltweit in schwindelnde Höhen begeben (Auszüge aus einem Artikel von Tony Klug in Haaretz)

Klug hat 45 Jahre lang extensiv über die Thematik Israel/Palästina geschrieben. Er ist Sonderberater über den Mittleren Osten der Oxford Research Group und arbeitet als Sachverständiger für die Palestine Strategy Group und das Israel Strategy Forum. Jahrelang war er Senior-Beamter bei Amnesty International und leitete dort das internationale Entwicklungsprogramm.

Eines der ursprünglichen Ziele des Zionismus war es, die Beziehungen zwischen Juden und anderen Völkern zu normalisieren. Wie tragisch ironisch also wäre es, wenn die Politik des Staates, den er ins Leben rief, stattdessen den Antisemitismus normalisiert?

Dass sich in den vergangenen wenigen Jahrzehnten besonders in der arabischen und muslimischen Welt anti-jüdische Gefühle alarmierend verbreitet haben, steht außer Frage. Es geht um den Grund, der zum Streit führt.

Während Israel fortfährt, die Westbank zu beherrschen, trifft es immer häufiger auf Akte des Widerstands von Seiten der Bevölkerung, die sich geknebelt fühlt durch das sich ausbreitende Muster der jüdischen Kolonisierung und die sich nach Unabhängigkeit sehnt.

Solange Israel dieses Gebiet weiterhin regiert, wird es wenig Chancen haben außer Vergeltung zu üben in einer zunehmend unterdrückerischen Art, nur um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Der moralische Anspruch im Falle Israel wird infolgedessen leiden und das wird das Ausmaß an internationaler Unterstützung weiter zur Erosion bringen, obwohl wahrscheinlich nicht unter der organisierten Meinung innerhalb der jüdischen Diaspora. Die Verschärfung der Polarisierung ist angelegt, um beizutragen an einer Vermehrung von offensichtlichem Antisemitismus.

Anti-jüdische Gefühle in der arabischen und muslimischen Welt zu vermehren ist nur eine Seite der Gleichung. Auf der anderen Seite kommt es zum entsprechenden Phänomen einer Vermehrung von anti-arabischen und anti-muslimischen Gefühlen in der jüdischen Welt. Umgekehrt haben sich die Gifte des Konflikts auf andere Gebiete der Erde ausgebreitet, und in einigen Fällen haben sie latente Vorurteile gegen Juden, Muslime und Araber angefacht und dabei alte Stereotypen von jüdischer Schlauheit und Macht auf der einen Seite geweckt, und die Bedrohung durch muslimische Horden auf der anderen.

Es ist keine große Kunst vorherzusehen, dass, wenn Israel nicht bald die Besetzung der Palästinenser aufgibt, und wenn organisierte jüdische Meinungsmacher in anderen Ländern diese offen unterstützen, fast sicher ein weiteres Aufflammen anti-jüdischer Gefühle aufbrechen und möglicherweise noch finstere Impulse auslösen wird.

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Es ist ein Recht und eine Pflicht, herauszufinden, was Antisemitismus wirklich ist

Vor fast 15 Jahren vor dem heutigen Tag haben „Studenten für friedliche Koexistenz“ und das „Global Voices Programme“ an der Universität von Chicago zu einer Podiumsdiskussion aufgerufen zu den Unterschieden zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus. Die Wortmeldungen eines der vier Diskussionsredner werden ausgewählt, verdichtet und unten vorgestellt. Sie gelten immer noch so gut wie damals, als sie zum ersten Mal ausgesprochen wurden.

Wenn ich das Wort „Anti-Semitismus“ benutze, meine ich anti-jüdischen Rassismus, Hass von Juden wegen ihres ethnischen Hintergrunds, ihrer Religion, ihrer Kultur, ihrer wahrgenommen geteilten Charakteristika, was immer das bedeutet – gleichbedeutend mit Hass von Menschen afrikanischer Herkunft oder jede andere Art von Rassismus.

Alle diese Formen von Hass haben ihre Konsequenzen … Sicherlich, der Hass von Menschen afrikanischer Herkunft hat zu Katastrophen – Kolonialismus in Afrika, Sklaverei und ständige Diskriminierung in unserer Gesellschaft geführt. Und natürlich hat anti-jüdischer Hass – Antisemitismus – seinen eigenen Weg gefunden, der in Europa zu entsetzlichen und sehr ernsten Konsequenzen geführt hat, und zu einiger Diskriminierung und negativer Konsequenz für Juden hier in USA.

Nun hat die Belastung, dass Kritik an Israel per se Antisemitismus ist, eine lange Geschichte. Sie wurde immer gegen Palästinenser und andere Unterstützer der Rechte der Palästinenser,  ganz besonders von Palästinensern für einen spezifischen  Zweck eingesetzt. Und der Zweck ist, eine alternative Erklärung für den Konflikt zu finden, den wir zwischen Israelis und Palästinensern sehen. Die selbstverständliche Erklärung für den Konflikt ist die radikale Macht-Ungleichheit zwischen Israelis auf einer Seite und Palästinensern auf der anderen, deren direkte Konsequenz die Enteignung der  Palästinenser durch die zionistische Bewegung ist und die über Jahrzehnte ungeschwächt weitergeht und zu immer schlimmer werdender Militärbesetzung, Brutalität und Menschenrechtsmissbrauch führt. Das kann nur Konflikte produzieren. Es kann nur zur Antipathie unter den Palästinensern gegenüber ihren Unterdrückern führen.

Aber man braucht auch eine alternative Erklärung, daher sagt man, palästinensische Mütter geben ihren Kinder Antisemitismus und Hass mit der Muttermilch ein, palästinensische Schulbücher flößen den Kindern Hass ein, und dann gehen sie hinaus und werfen sich vor die Panzer. Das ist die beste alternative Erklärung, mit der eine Menge Unterstützer von Israel daherkommen. Keine besonders überzeugende Erklärung!

Nun, die Rolle in den letzten Monaten – wir haben gesehen, wie Antisemitismus zur Ausgrenzung benutzt wird, ich glaube in den USA und besonders auf Studenten-Campi , um jede Diskussion über Israel zum Schweigen zu bringen, genau für solche Fragen, wo Israel in der öffentlichen Debatte verloren hat. Die Palästinenser haben nicht gerade gewonnen, aber relativ gesehen ist es ein Gewinn und deshalb, wenn man die Debatte nicht gewinnen kann, soll man sie am besten stoppen. Und der beste Weg dazu ist, die Menschen so anzugreifen, dass sie sich nicht mehr einmischen. Und der Weg, das zu tun, besteht darin, jede Diskussion über den Gegenstand mit dem Gespenst Antisemitismus zu verbrämen, was natürlich, da die jüdische Geschichte in ihrer Art in den Vereinigten Staaten sakrosankt geworden ist, besonders mit dem Schwerpunkt auf den Holocaust der Nazis, der heute vom Gesetz her in den meisten öffentlichen Schulen in vielen Staaten der USA gelehrt wird, ankommt.

Israel ist ein Land, das Milliarden Dollars von unseren (USA) Steuern erhält, das unsagbare Verbrechen im Namen der Demokratie und Freiheit verüben darf und Teil des „Westens“ ist … und das ist nicht Antisemitismus. Israel kritisieren, seine Praktiken kritisieren, darüber sprechen, welche Art von Zukunft Palästinenser und Israelis zusammen haben könnten, ob es ein Staat sein wird, oder zwei Staaten oder drei Staaten oder zehn Staaten, ist nicht Antisemitismus, es ist recht und eine Pflicht.

Für einen Palästinenser ist Dasitzen und seine Geschichte erzählen, seine persönliche Lebens-geschichte erzählen, ohne auch die israelische Seite dieser Geschichte zum besten zu geben, Antisemitismus nach der Vorstellung der „Anti Defamation League“ (ADL). In anderen Worten, nicht immer eine von Israelis gesponserte Version der Wahrheit zur Hand zu haben, ist Antisemitismus. Also, diese Sache ist interessant, sie ist aus drei Gründen interessant.

Der ADL scheint zu sagen: Wenn du unsere Agenda nicht teilst, und unsere politischen Ziele, und wenn du keine Kampagne machst gegen die selben Diktatoren, die wir nicht mögen, dann bist du per definitionem Antisemit. Du bist antisemitisch, weil du deine eigenen Ansichten hast und nicht die unseren.

Also, die Entschuldigung, dass Israel ausgegrenzt wird wegen unfairer Kritik ist das Eine, das wir oft in der Geschichte gesehen haben, besonders im Kampf gegen die Apartheid ain Südafrika. Es ist genau das gleiche Argument, das immer von Unterstützern der Apartheid benutzt wurde, die Kritik an der Apartheid zum Schweigen bringen. Warum an Südafrika herumhacken? Schaut auf die Schwarzen im Rest von Afrika, sind sie nicht schlechter dran als in Südafrika?

 Der Erfolg von Israel ist die Welt zu überzeugen, dass Zionismus und Israel und Judaismus das gleich sind. Politischer Zionismus ist eine moderne und in ihrem Ursprung komplett    säkulare und areligiöse Philosophie, die sich die alten Symbole des Judaismus angeeignet hat, den Davidstern und die Menorah. Der Davidstern, der als das traditionelle Symbol auf fast allen Synagogen weltweit erscheint, und die Menorah sind das offizielle Kennzeichen des Staates Israel. Es ist ein Ergebnis der Politik Israels, dass etliche Leute unsicher geworden sind und Israels Rhetorik glauben,  dass Israel im Namen aller Juden handelt, und sie sparen ihren verständlichen Zorn über Israels schreckliche Verbrechen Juden gegenüber aus– was natürlich falsch ist. Aber ich glaube, das ist zum Teil ein direktes Ergebnis ihrer Politik und wir müssen verstehen, dass, wenn sie ihre Kampfflugzeuge, ihre F-16 und Tanks mit den Symbolen umkleiden und wenn ihre Generäle den Davidstern auf den Schultern tragen, wenn sie Kriegsverbrechen rechtfertigen, wir nicht überrascht sein dürfen, wenn etliche Leute darauf reagieren.

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 Deutsche Politiker markieren anti-israelischen Protest als Antisemitismus

Präsident Trumps einseitige Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels zu deklarieren, wurde mit weltweiter Kritik und Verurteilung belohnt, außer in Israel. Benjamin Netanyahus sogenannte „Charme-Offensive“ in Brüssel, wo er die EU überzeugen wollte, Trumps Beispiel zu folgen, wurde von Federica Mogherini, der Leiterin der EU-Außenpolitik, heruntergemacht, indem sie sagte: „Diese Bewegung wird nicht kommen“. Sie betonte die Unterstützung der EU für die Zweistaatenlösung mit Jerusalem als Hauptstadt für beide Staaten.

 

Übrigens: Netanyahu war von der EU nicht eingeladen worden, sondern wollte von sich aus der EU den aufrührenden Akt vorlesen. Anstatt ihn mit Tritt hinaus zu befördern, hielten die EU-Repräsentanten ihn aus und gingen nach seinem Abgang zu prominenten und ernsthaften   Gesprächen über. Eine Gemeinschaft, die als „global player“ zu handeln versucht, würde einem solchen politischen Schelm die Tür gewiesen haben. Stattdessen ließen sie sich von Netanyahu beschimpfen, und quittierten es mit einem Lächeln.

Quelle: Facebook

 Über Antisemitismus: Solidarität und der Kampf um Gerechtigkeit

 Während der Staat Israel in Anspruch nimmt, alle jüdischen Menschen zu repräsentieren, erklären die Verteidiger der israelischen Politik wiederum, dass Antisemitismus Kritik an Israel einschließt. Antisemitismus ist schädlich und real in unserer Gesellschaft. Was also auch angesprochen werden muss, ist, wie die Entwicklung der falschen Anschuldigungen mit Antisemitismus oder die Neudefinierung von Antisemitismus den globalen fortschrittlichen Kampf um Gerechtigkeit unterdrücken könne. Es gibt keine einzige definitive Stimme über Antisemitismus und seine Auswirkung.  

Die Jüdische Stimme für Frieden (JVP) hat eine Reihe von Aufsätzen zusammengelegt, die eine Diversität von Perspektiven und Standpunkte enthält. Jeder Beitrag bringt kritische Fragen über Anwendung und Nichtanwendung von Antisemitismus im 21. Jahrhundert, wobei unterschieden wird zwischen Antisemitismus, Beschuldigungen mit Antisemitismus und Aktivismus für Menschenrechte der Palästinenser.

Diese Anthologie*) stellt ein sehr notwendiges Werkzeug dar für palästinensische Solidaritäts-Aktivisten, Lehrer wie auch jüdische Gemeinden dar. Leitbeiträge gibt es von Omar Barghouti, Judith Butler und Rebecca Vilkomerson wie auch anderen Aktivisten, Akademikern, Studenten und Kulturschaffenden. Über politische Solidarität und Gerechtigkeit liest man die Stimmen von palästinensischen Studenten und Aktivisten, und von Juden, die oft in Mainstream-Diskussionen über Antisemitismus marginalisiert werden, dazu gehören auch farbige Juden und Sephardim/Mizrahi-Juden.

*) „On Anti-Semitism – Solidarity and the Struggle for Justice”; 300 Seiten

    Hsgb: Jewish Voice for Peace”; Haymarket Books, erschienen am 27.3.2017

 

Übers.: Gerhilde Merz