„Lachen, während du den Abzug betätigst“

Palestine Update Nr. 137 – 3. Mai 18

„Lachen, während du den Abzug betätigst“

Meinung

„Lachen, während du den Abzug betätigst“ ist das Ergebnis eines Interviews und lässt sich leicht, aber mit wichtiger Wissensvermittlung lesen. Der Interviewer Dennis J. Bernstein ist Gast bei „Flashpoints“ (Kurznachrichten) im Pacific Radio Network. Er lebt in San Francisco und ist Dichter, Journalist und Radio-Reporter, wobei er spezialisiert ist auf Menschenrechte und internationale Angelegenheiten. Max Blumenthal, der interviewt wird, ist ein preisgekrönter Journalist und Bestseller-Autor. Seine Reportagen über die Brutalitäten der illegalen israelischen Okkupation haben einen Standard gesetzt für wirklichkeitstreue Berichterstattung über dieses Thema. Blumenthal hat auch über jeden Aspekt der Israel/USA-Propagandamaschine berichtet, die 24/7 arbeitet, um die israelische Okkupation zu unterstützen. Die Artikel von Blumenthal von Artikel sind in The New York Times, The Los Angeles Times, The Daily Beast und The Nation Magazine erschienen. Er ist auch Mitbetreiber des „Podcast Moderate Rebels“. Dennis Bernstein hat am 19. April mit Max  Blumenthal gesprochen.

Dieses Interview bietet Einsichten ins Leben beim kürzlichen Besuch von Max Blumenthal im Gazastreifen. Seine Beobachtungen beschreiben den äußersten Verlust menschlicher Regungen unter den israelischen Soldaten, den Medien, und der Bevölkerung als Ganzes. Sie enthüllt auch die sämtliche Hasskultur innerhalb des Trump-Regimes, und die Art, wie der amerikanische Militär-Industrie-Komplex die israelische Wirtschaft durch politische Bedingtheit steuert.

Bitte lesen und breit verstreuen!

Ranjan Solomon

 

 

 

 

Max Blumenthal (MB) und Dennis Bernstein (DB)

Dennis Bernstein: Ich habe gehört, du warst vor kurzem im Gazastreifen. Du warst gerade vor dem Schlachten entlang des Grenzzauns (am 30. März) dort?

Max Blumenthal: Ich war nur wenige Wochen vor dem Großen Rückkehr-Marsch dort, bei dem israelische Scharfschützen anfingen, auf gewöhnliche Leute in Gaza zu schießen, die entlang des Grenzzaunes spazieren gingen, um gegen ihr Open-Air-Gefängnis zu protestieren. Die Vorbereitungen für diesen Marsch hatten gerade angefangen.

Ich bekam die Chance, mit der Ehefrau eines Mannes zu sprechen, dem man die Ausreiseerlaubnis für eine Krebsbehandlung verweigert hatte. Er war gezwungen, im Grunde auf seinem Totenbett zu sitzen, obwohl er die Kondition hatte, um in der Westbank behandelt zu werden. Er gehörte zu jener Gruppe von Menschen in der Dokumentation des Al Mezan Center für Menschenrechte im Gazastreifen, denen man die Ausreiseerlaubnis verweigert hatte, und die damit zum Sterben verurteilt waren. Viele mögen sich wundern, warum die Leute an die Grenze eilen und ihr eigenes Leben riskieren, indem sie direkt in den Rachen der israelischen Scharfschützen marschieren. Du musst verstehen: Jede Familie in Gaza kann eine Geschichte wie diese erzählen.

DB: Du hast ein sehr verstörendes Video über israelische Soldaten getwittert, die hinter dem elektrischen Zaun hervorgeschossen haben. Eines der Bilder zeigt sie schießend und lachend.

MB: Das Video wurde von „Breaking the Silence“ herausgebracht, einer Gruppe früherer und derzeitiger Soldaten, die sich zu den Verbrechen bekannt haben, die sie am Ort getan hatten. Sie haben dieses Video erhalten, das während eines Einsatzes von Scharfschützen gemacht wurde, und es zeigt, wie ein Scharfschütze einen unbewaffneten Mann erschießt, und wie sie dann lachen und einander gratulieren, weil sie solche Freude hatten an ihrem Tun.

Es spricht wirklich viel über die Perspektive, wie durchschnittliche Israelis Leute im Gazastreifen betrachten. Sie sehen sie einfach nicht als Menschen – ganz besonderes jüngere Israelis, die seit der Versiegelung des Gazastreifens 2006 niemals mit Palästinensern zusammengekommen waren. Israelis kommen ihnen nur als Scharfschützen oder Führer von Drohnen in die Nähe, und nur eine kleine Minderheit von Israelis sieht sie als Menschen.

Es gab in Tel Aviv einige Proteste gegen die Massaker, die vor kurzem stattgefunden haben, und eine der Führerinnen dieses Protests, Tamar Sandberg, die von der linksgerichteten Partei Meretz kommt, wurde in den Medien von Mainstream-Israel brutal dämonisiert. Ein Haufen Israelis, die Fragen darüber haben, was denn los ist, tendieren zur Selbstzensur, weil die Konsequenzen so schwer sind.

DB; Was los ist zwischen den Protestierern und den Scharfschützen, zeigt, worin die derzeitige Politik Israels jetzt besteht. Wie würdest du die jetzige Politik charakterisieren? Ist die Situation jetzt schlimmer als sie vor fünf Jahren war?

MB: Die Situation ist die gleiche von 1948 an bis heute. Wir können sie als „demographische Mani-pulation“ bezeichnen. Stell dir vor, die Vereinigten Staaten würden sich offiziell als einen „weißen, christlichen Staat“ bezeichnen. Und da gibt es in den USA vielleicht Millionen Menschen, die nicht weiß sind und keine Christen. Sie müssten in Käfige geschichtet werden, und ihre Bevölkerung müsste irgendwie begrenzt werden, sodass sie die ethnische Integrität des „weißen christlichen Staates“ nicht Lügen gestraft würde.

Das ist Israel, der jüdische Staat, wo die meisten Leute des historischen Palästina nicht jüdisch waren und 1948 gezwungen wurden, Israel zu verlassen, 750.000 von ihnen. 30 bis 40 % wurden in den Gazastreifen gezwungen. 70 bis 80 % der Bevölkerung des Gazastreifens sind Flüchtlinge oder stammen von Flüchtlingen ab. Sie können nicht nach Israel zurückkehren, einfach, weil sie keine Juden sind. Israel würde kein jüdischer Staat sein, wenn sie dorthin zurückkehren und Familie haben. Daher muss Israel sie um jeden Preis draußen halten.

2006 drängte Israel dem Gazastreifen eine Belagerung auf, was bedeutete, dass man Nahrungsmittel und anderes Lebensnotwendige einführen ließ. Aber nur so viel, dass die Menschen am Leben blieben, nicht genug, dass es ihnen gut gehen sollte. Damit wollte man Druck auf die  Bevölkerung ausüben, sich zu unterwerfen. Diese hat verschiedene Möglichkeiten versucht, einschließlich militärischer, um Widerstand zu leisten. Jetzt folgen sie dem gewaltfreien Protest nach der Methode von Gandhi, nach welchem die Liberalen in Amerika schon seit Jahren gerufen haben. Das war sehr wirksam vom Standpunkt der Öffentlichkeitsarbeit aus, aber es hat Israels Politik in keiner Weise verändert. Israel hält immer noch an den demographischen Grenzen mit Gewalt fest. Die Logik dahinter ist nicht die Sicherheit. Es ist das Festhalten am demographischen Ist-Zustand.

DB: So heißt die Strategie, Überleben unmöglich zu machen, und so ist das Einzige, das man tun kann, entweder sich verstecken oder weggehen.

MB: Oder einfach in seinem Loch sitzenbleiben. In Ostjerusalem, wo Israel gerade versucht, es zu übernehmen, heißt die Politik, die Leute zum Weggehen zu zwingen. Sie haben ein Gesetz, das sich “Zentrum der Lebenspolitik“ nennt, wo Leute, die Palästinenser sind, ständig beweisen müssen, dass sie da leben. Und wenn z.B. Palästinenser zu viel Zeit in der Westbank verbringen, verlieren sie ihr Aufenthaltsrecht. Und da gibt es ein anderes Gesetz um die Leute aus Gaza und der Westbank aus Jerusalem und aus Israel draußen zu halten, wo 20 % der jeweiligen Bevölkerung Palästinenser sind. Das nennt sich das Bürgerschafts- und Eintrittsgesetz. Es blockt Menschen, die ihr Wohnrecht in Gaza oder in der Westbank haben ab von der Eheschließung mit Leuten, die Bürger von Israel sind. Der Punkt ist, dass man ein Wachsen der palästinensischen Bevölkerung innerhalb von Israel verhindern möchte. Da gibt es eine ganze Reihe von Gesetzen, deren Ziel demographisches Manipulieren ist, und wovon die Leute im Westen nichts wirklich wissen, das aber die Grundlage der Apartheid ist. Sie sind absolut undemokratisch.

DB: Einige Leute, die in Südafrika gegen die Apartheid gekämpft haben, sagen, dass die Situation für die Palästinenser jetzt schlimmer ist. Mir fällt dazu das Stadium der Bewegung ein, als Gandhi während des Widerstands gegen die Passgesetze nach Südafrika gegangen war. Die Leute hatten sich entschieden, sich auf die Schienen zu legen. (https://facebook.us14.list-manage.com.track/click?u=70813d3d15ac4637582781b8e&id=66abc49e46&e=267525e738)

MB: Das ist Jahre für Jahre in der Westbank gegenüber der Trennungsmauer so gegangen. Aber du musst verstehen, dass innerhalb der palästinensischen Bevölkerung ein tiefe Sehnsucht entstanden ist, sich in eine solche Art des Widerstands einzulassen. Im Gazastreifen versuchen die Leute jeden Freitag gegen die Mauer und gegen die Belagerung Widerstand zu leisten. Jetzt – zum ersten Mal – lässt Hamas dieses einfach tun. In der Vergangenheit hat Hamas tatsächlich einige dieser Proteste abgebrochen, um die Grenze stabil zu erhalten und zu zeigen, dass sie eine gute Einrichtung war. Das ist der Ausdruck eines authentischen Verlangens des Volkes von Palästina Widerstand zu leisten und zum ersten Mal sein Gesicht zu zeigen. Der israelische Militärapparat ist zutiefst verunsichert. Sie haben sich tatsächlich dafür eingesetzt, die Führer der Proteste umzubringen.

DB: Was über die Ermordung von Menschen, die klar als Journalisten gekennzeichnet sind?

MB: Wir haben Yaser Murtaja verloren, den Gründer einer der wichtigsten Presseagenturen von Gaza, iMedia. Das sind einige der mutigsten Journalisten der Welt, die die Aufnahmen bekommen, die westliche Journalisten niemals erhalten. Murtaja war auch außerhalb von Gaza sehr respektiert, obwohl er nie in der Lage war, herauszukommen. Nachdem ihn ein Scharfschütze direkt in den Magen, unterhalb seiner Weste getroffen hatte, die mit „Presse“ markiert war, kam Israel daher und bezeichnete ihn als einen Hamas-Spion von absolut keiner Bedeutung. Und die Washington Post schrieb diese  Behauptung in ihrer Überschrift ab. Wie kann The Washington Post Derartigem Glauben schenken, wo es eben gerade eine Behauptung war?

DB: Du hast geschrieben, „die US-Politik gegenüber Israel/Palästina wird nahezu restlos kontrolliert durch zwei Elemente in Washington, die Pro-Israel-Lobby und die Waffenindustrie“.

MB: Die Pro-Israel-Lobby ist die zweitmächtigste Lobby in Washington nach der NRA (National Rifle Association). Sie ist verantwortlich für Geldaufbringungs-Kampagnen von beiden Parteien bis hin zu staatlicher Höhe. Eine Menge der Politiker ohne Unterstützung starker Geldgeber kann leicht ein paar pro-Israel-Aussagen machen und versprechen zu unterschreiben, was immer AIPAC haben möchte, und das Geld wird beginnen herein zu fließen durch verschiedene Familienstiftungen und Geldgeber. Kamala Harris ist ein perfektes Beispiel. Sie schaut zu AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) auf und macht eine Serie von lächerlich fördernden Aussagen darüber, wie sie schon als kleines Kind Geld für Israel aufgebracht hat. Und dann die Waffenindustrie, die Trump hochhält als Schöpfer von Arbeitsplätzen, besonders in den „swing states“ – Amerikanische Staaten mit knappem Wahlausgang – Eine Menge dieser Jobs kommen aus US-Anleihen an Israel, die heute insgesamt 4 Milliarden Dollars im Jahr betragen. Diese Anleihen gehen geradewegs zurück nach Texas, Colorado, Ohio, um für die Waffen zu bezahlen, die nach Israel verschifft werden. Israel hat zurzeit ein stilles Abkommen mit den Vereinigten Staaten, selbst keine großen Waffenplattformen zu produzieren. USA würden Israel bestrafen, wenn sie versuchen, ihre eigenen Jets zu produzieren. Israel muss US F-15 und F-16 kaufen. Sie müssen von US-Firmen kaufen, um US-Anleihen zu bekommen. So treiben diese Waffenindustrie und ihr Lobby-Apparat im Grunde diese Multi-Milliarden-Dollar Anleihen-Pakete für Israel zusammen mit der Israel-Lobby. Und wohin fallen diese Waffen? Sie fallen auf Apartmentblöcke im Gazastreifen, und könnten hübsch bald auch auf den Libanon fallen.

DB: Du bist gerade im Gazastreifen gewesen. Kannst du beschreiben, wie der Alltag heute für die Leute dort ist?

MB: Das Problem ist nicht, dass es zu wenig zu essen gibt. Ich war am Valentinstag da, und es gab diese riesigen Teddybären zu verkaufen mit Luftballonen, so wie hier. Aber niemand kann sie kaufen. Da gibt es im Restaurant viel zu essen, aber niemand kann sich leisten, dort zu essen, außer den glücklichen Wenigen. Aber sogar die Oberschicht leidet. Die Mittelklasse ist ausgesteuert. Jeder gebildete junge Mensch will weg.

Ich war in der Lage, ein paar Freunde zu besuchen, die festsaßen. Ich traf jemanden, während wir bei einem Fußball (soccer) Match zuschauten und er erzählte mir, dass alle aus seiner Familie in Dubai seien, und er war in den Gazastreifen gekommen, um die andere Familie zu besuchen. Die Tore hatten sich hinter ihm geschlossen, und er saß zwei Jahre lang in Gaza fest und weiß nicht, wie er sich wieder mit seiner Familie vereinigen kann. Das ist die Situation, die wirklich einmalig ist in der Welt. Die Leute sitzen in der Falle und die Mauern heben sich nicht auf. Was mich sehr beeindruckte, war das stoische Verhalten der Menschen dort, der Wille, sich auf die Situation einzulassen und sich nicht zu ducken vor einer der mächtigsten Armeen der Welt mit der einzigen Supermacht der Welt im Rücken.

DB: Ist die Trump-Administration bemerkbar schlechter, z.B. mit ihrer Übersiedlung der Botschaft nach Jerusalem? Oder ist das nur „Geschäft wie gewöhnlich“?

MB: Nein, ich bin tatsächlich beeindruckt, um wie viel schlechter Trump die Situation am Boden gemacht hat. Er hat ganz klar eine Größe von Sadismus gegenüber den Palästinensern gezeigt, wie es kein anderer Präsident zusammengebracht hat. Das hat viel zu tun mit seinem Schwiegersohn Jared Kushner. Die Administration hat die Unterstützung der UNRWA substantiell verringert, die sich um palästinensische Flüchtlinge kümmert, ungefähr 70 % der Bevölkerung von Gaza. UNRWA betreibt erstklassige Schulen, die den Schülern eine erstklassige säkulare Bildung vermittelt. Die Menschen in Gaza sind im Wesentlichen abhängig von Lebensmittelhilfe der UNRWA und erreichen damit noch nicht das richtige Niveau. Dadurch hat sich das Leiden unter Trump und Kushner vergrößert, dessen Familie tief verbunden ist mit der Pro-Israel-Lobby.

Ich habe mit einer Person von der UNRWA gesprochen, der bei einem Treffen mit Trump und Kushner dabei war. Und der hat erzählt, dass die Generäle vor Kushner sogar Angst haben. Sie haben herausgehört, dass eine Destabilisierung der Situation der palästinensischen Flüchtlinge den Mittleren Osten als Ganzes destabilisieren wird und damit Troubles für die nationale Sicherheit der USA bedeutet. Aber sie können nichts tun, weil sie keinen Zugang zu Trump erreichen außer über Kushner. Da haben wir diesen Kerl, dessen einzige Qualifikation ist, Ivanka zu heiraten, der nicht einmal einen Sicherheitsbeweis vorweisen kann – und der diktiert die Politik von Israel/Palästina. Es ist ein erschreckendes Szenario!

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(Übers.: Gerhilde Merz)