*Narrativen darüber, was das Land den Palästinensern bedeutet*

Palestine Update Nr. 238 – 28.4.19 -Narrativen

Meinung

 *Narrativen darüber, was das Land den Palästinensern bedeutet*

In dieser Ausgabe der Palestine Updates bringen wir Erzählungen von palästinensischen Bauern, die trotzig und mit Sehnsucht über das Land sprechen, das sie verloren haben. Es ist das Ihre, oft aber wurde es ihnen direkt vor der Nase weggestohlen. Sie können schwermütig oder mit Hoffnung vor sich hinstarren. Viele sind alt geworden von dem Tag an, als sie in den Schrecken der Nakba vom Land vertrieben wurden; dann kam die Besetzung. Und jetzt wächst die Nakba, da ethnische Säuberung straffrei verfolgt wird, während die Welt mit schweigender Zustimmung bei den Kriegsverbrechen zuschaut, die direkt vor unseren eigenen Augen geschehen. Immer mehr Land wird gestohlen und die Siedlungen sprießen empor. Wir sind an diesem Verbrechen der ethnischen Säuberung beteiligt durch unser Stillschweigen und unsere Apathie. Und trotzdem, die Palästinenser werden nicht abweichen von ihrer Straße der Hoffnung. Die indische Schriftstellerin und politische Kommentatorin stellt es am besten dar, wenn sie argumentiert: „Das System wird zusammenbrechen, wenn wir uns weigern zu kaufen, was sie verkaufen wollen – ihre Ideen, ihre Version der Geschichte, ihre Kriege, ihre Waffen, ihren Begriff von Unvermeidlichkeit“.

Genau das tun die palästinensischen Bauern. Sie betonen: „Land bedeutet Leben“. Trotz der militärischen Überlegenheit Israels investieren sie ihre Hoffnungen in die Begriffe Gerechtigkeit und dauerhafter Widerstand. „Wir brauchen tausende Palästinenser, die herkommen und mit uns dieses Land verteidigen,“ beharren sie.

Ranjan Solomon

*‘Land heißt Leben‘ – Palästinenser schwören, illegale israelische Konfiskationen zu bekämpfen*

* „Was mit Gewalt genommen wurde, kann nur mit Gewalt wieder bekommen werden“ (Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Führer)

Zwischen 1979 und 2002 erklärte Israel mehr als 90.000 ha (= 220 Acres) Land zu „Staatsland“. Shatha Hammad in MEE (Middle East Eye)

Shatha Hammad ist freischaffende palästinensische Journalistin

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 Tayseer Ataya steht an seinen Stock gelehnt und starrt hinüber auf sein Stück Land auf dem Risan Hügel im Westen von Ramallah. Seit fast einem Jahr hat man dem 65jährigen Mann verboten, sein Eigentum zu betreten. Im August 2018 haben israelische Siedler Häuser für sich auf Teilen von Ataiyas 25 Acres (104 Dunum) Land im Dorf Ras Karkar gebaut. Er sagte, von diesem Augenblick wusste er, dass seine Träume, das Land an seine Kinder und Enkelkinder weiter zu geben, zerstört waren. „Es ist dieser Kampf, den ich an meine Kinder weiterreichen werde, und sie werden niemals aufgeben“.

Sein Grundstück ist nur ein Teil von den ungefähr 250 Acres (1000 Dunum) Land, auf die Israel 1983 zuerst seine Hand gelegt hatte. Ein Militärgerichtshof hat einen Land-Konfiskationsbefehl eingefroren und das ist so geblieben während der vergangenen 35 Jahre. Im Laufe des vergangenen Jahres wurde jedoch der Siedlungsbau intensiviert. Am 16. August wurde in nur 2 Tagen ein neuer Siedler-Außenposten gebaut. Vieh und Wassertanks wurden herangeschafft, und eine neue Straße wurde befestigt, um der „Nur-für-Juden-Gemeinschaft“ das Leben zu erleichtern; israelische Armee-Verstärkungen kamen zu ihrem Schutz an.

Im Gespräch mit Middle East Eye sagt Ataya, dass der Konfiskationsbefehl nicht auf 247 Acres begrenzt ist, sondern unter dem Vorwand der Sicherheit weiter ausgedehnt werden wird. „Ich habe mehrmals versucht, mein Land zu betreten, aber jedes Mal, wenn ich in  die Nähe komme, kreisen mich Soldaten ein und hindern mich, hinüber zu gehen“, sagt er. Ataya hat sein Land von seinem Großvater väterlicherseits geerbt. „Ich will auf meinem Land nicht aufgeben. Auch wenn ich Schwierigkeiten mit dem Gehen habe, versuche ich jede Woche, mein Land zu betreten, und ich werde nicht aufgeben es zurück zu fordern“, fährt er fort.

*Das ottomanische Gesetz*

Nächst zu Ataya steht der 52jährige Anwalt Wadi‘ Nofal. Er hält einen Stoß Papiere in der Hand, die das Eigentumsrecht von 75 Erben innerhalb seiner Familie beweist – ungefähr 9 Acres (40 Dunum) Land auf dem Risan-Hügel. „Viele israelische Richter leben in den Siedlungen, die auf unserem privaten Land gebaut sind, und so erwarten wir nichts“. Er erklärt, dass das Land aufgrund des ottomanischen Gesetzes von 1858 eingenommen wurde,  das Israel seit 1980 benutzte, um privates palästinensisches Land in der besetzten Westbank zu enteignen.

1968, ein Jahr nachdem Israel die Westbank, Ostjerusalem und den Gazastreifen besetzt hatte,

hörte Israel auf mit dem Land-Registrierungs-Prozess der neu besetzten Gebiete. Bis 1980 hatte Israel den Militärbefehl benutzt, um privates palästinensisches Land zu konfiszieren und darauf Siedlungen zu bauen mit dem Vorwand von Sicherheits-Bedürfnissen.

1979 jedoch machten Palästinenser, deren Land konfisziert worden war, Eingaben beim Israelischen Obersten Gerichtshof (HCJ = High Court of Justice) und machten eine Verletzung des Völkerrechts geltend – und gewannen. Aber dieser Fall war selten; der Gerichtshof konnte nicht anordnen, dass die Einrichtung der Siedlungen für militärische Zwecke notwendig wäre, weil Siedler bezeugten, sie hätten die Absicht, dort aus religiösen und politischen Gründen zu leben.

 *Fakten am Boden*

Dem Spruch des Gerichtshofes folgend begann Israel Anordnungen im ottomanischen Land-Gesetz umzuschreiben und seine eigene Interpretation anzuwenden, um privates palästinensisches Eigentum zu Staatsland zu erklären. Zwischen 1979 und 2002 machte Israel so mehr als 220 Acres (90.000 ha) Land zu staatlichem Land. Letzteres macht jetzt 22 % der ganzen Westbank aus. „Sie schaffen Fakten am Boden, indem sie sich Land aneignen und sich in die umliegenden Gebiete ausdehnen“, sagt Wadi‘.

Er erklärte, dass die 247 Acres Land Palästinensern aus den umliegenden Dörfern Ras Karkar, Khirbetha Bani Hareth und Kufr Ni’ma gehören. Wadi‘ ordnet den Papierstapel in seinen Händen und hält ihn ganz fest, damit der Wind die einzelnen Papiere nicht davonblasen kann. „Es ist äußerst schmerzlich, dass ich hier stehen muss, nur wenige Meter entfernt von meinem Land, und ich kann es nicht erreichen. Es ist schmerzlich für mich, Anwalt zu sein und nicht einmal meine Rechte verteidigen zu können.

*Konsequenzen für die ganze Region*

Abdullah Abu Rahma vom PA Nationalkomitee für den Widerstand gegen die Mauer und die Siedlungen erklärt MEE (Middle East Eye), dass der Außenposten nur ein Vorspiel ist für die Errichtung einer großen Siedlung auf dem Risan-Hügel ist – in Areal C der besetzten Westbank. Abu Rahma erklärt, dass das Ziel neben der Aneignung von Land ist, die nahen Siedlungen im Westen von Ramallah zusammen zu schließen mit einer der größten Siedlungen im ganzen Gebiet – Modi’in Ilit -, wo einige 70.000 Israelis leben.

Letztere wurde auf Ländereien gebaut, die zu den palästinensischen Dörfern Nilin, Safa, Deir Qaddis und Khirbetha Bani Hareth gehören. „Dieser Plan wird nicht nur die Landeigentümer in Mitleidenschaft ziehen, er wird Konsequenzen für die ganze Region Westbank und Jerusalem haben“, fährt er fort und erklärt, er wird die räumliche Nähe der palästinensischen Dörfer zu einander und ihre natürliche Ausdehnung stören.

*Land heißt Leben*

Naser Nofal, 63, besitzt 10 Dunum auf dem Risan-Hügel, die er von seinem Urgroßvater geerbt hat. „Jeder, der in dieses Gebiet kommt und es sieht, weiß sehr wohl, dass Israels Ansprüche falsch sind“, sagt Naser. „Unsere Ländereien sind kultiviert und reich an 400 Jahre alten Bäumen. Wir haben uns immer um unser Land gekümmert.“

Er weiß, für israelische Siedler ist es ein strategisches Land. Vom Hügel aus kann man bis zur Küste des Landes sehen wie auch zu den Hügeln in Jordanien und auf die heilige Stadt Jerusalem. „Durch die Anwendung falscher Ansprüche und erzwungener Gesetze nehmen sie unsere Bergkuppen und stehlen palästinensische Ländereien, die die Quelle unseres täglichen Unterhalts sind“, fährt Naser fort. „Land bedeutet Leben. Ich werde fortfahren, mein Land zu verteidigen, bis ich sterbe, und ich werde es Israel nicht übernehmen lassen“.

*Siedlerangriffe*

Radi Abu Fakhida, der Chef des Dorfrates von Karkar, erzählt MEE, dass noch eine Petition gegen die Entscheidung zur Konfiskation vorgelegt wurde, aber dass israelische Gerichthöfe das dringende Gesuch zurückgeworfen haben. Es wurde jedoch eine Anweisung zu Gunsten des Landes herausgegeben, das einem der Bewohner, Ibrahim Abu Fakhida gehört, über das eine 700 Meter lange Straße gebaut wurde, die zu der israelischen Siedlung führt.

 

Siedler haben uralte Ölbäume aus der Römerzeit zerstört (MEE/Shatha Hammad)

 

„Wenn es uns gelingt, (Ibrahims) Land zurück zu bekommen, wären wir in der Lage, die Straße zu der neuen Siedlung zu blockieren und die Siedlerbewegung in dieses Areal aufzuhalten“, sagt Radi. „Bis jetzt hat die israelische Armee uns daran gehindert, dieses zu tun und behauptet, es gäbe eben keine alternative Straße zur Siedlung“. Das Dorf Ras Karkar liegt ungefähr 15 km westlich der Stadt Ramallah und verfügt über eine Gesamtfläche von etwa 7.000 Dunum (1.730 Acres). Es ist umgeben von sechs israelischen Siedlungen, die auf Teile des Landes des Dorfes gebaut sind. Radi, der Vorsitzende des Rates, sagt, dass einige 2000 Dunum Eigentum (an die 500 Acres) bis jetzt konfisziert wurden, um Siedlungen und die Infrastruktur für die Siedlungen zu bauen.

„Siedlerangriffe gegen das Dorf“, fährt er fort, „sind seit August 2018 stark eskaliert. Man hat mindestens 130 antike Ölbäume aus der Römerzeit umgehauen, anti-palästinensische rassistische Slogans wurden auf Fahrzeuge aufgesprayt, und ständig hat man die Bauern gehindert, wenn sie ihr Land erreichen wollten. Die Familien von Ras Karkar haben sich angesichts der Siedlerangriffe nicht ergeben. Sie gehen täglich auf ihre Felder und ihr Land und ernten ihre Früchte“, sagt Radi.

*Das Land verteidigen*

Israels Konfiskationsbefehl  hat auch das nahe gelegene Dorf Kufr Ni’ma berührt, das sich bis in die Risan-Hügel erstreckt. Khaldoun al-Dik, Vorsitzender des Dorfrates von Kufr Ni’ma, erklärte, dass die israelischen Behörden mehr als 160 Acres (650 Dunum) vom Eigentum der Familien aus dem Dorf konfisziert haben. Eine für die Siedler gebaute Straße nahm zusätzlich an die 60 Acres (250 Dunum) des Landes des Dorfes in Anspruch. Familien, deren Land man gestohlen hat, versuchten alle erreichbaren gewaltlosen Methoden, um ihr Land wieder zu bekommen, sagt al-Dik. Sie brachten Petition bei israelischen Gerichten ein und hielten Sitzstreiks auf ihren Ländereien ab.

‚Sie sind gekommen, um zu töten‘ – Begräbnis für Palästinenser, die von Siedlern tot-geschossen wurden.

 

 

„Das ist palästinensisches Land, und wir haben die Dokumente, um das zu belegen“, sagt al-Dik. „Diese Ländereien zu konfiszieren und Siedlungen darauf zu bauen heißt, dass die Sicherheit in der Gegend schwer beeinträchtigt werden wird, und die Kolonialpolizei wird sich auf noch mehr zum Dorf gehörendes Land ausbreiten“.

Seit August 2018 wurde der Risan-Hügel ein Schwerpunkt für die Zusammenstöße zwischen Palästinensern, die aus den verschiedenen umliegenden Dörfern stammten und ihr Land zu erreichen versuchten, und den israelischen Besatzungssoldaten, die versuchten, sie entsprechend der kolonialen Politik abzuweisen. Die Familien versuchen, ihre Freitagsgebete als einen Protestakt auf dem Hügel durchzuführen. Israelische Soldaten antworten mit einem Schwarm von Tränengasbomben und gummiüberzogenen Stahlkugeln.

Zurück in Ras Karkar sagt Ataya, dass mehr Palästinenser gegen die diskriminierende israelische Politik protestieren müssen. „Wir brauchen tausende Palästinenser, die herkommen und dieses Land mit uns verteidigen“, sagt er.

Quelle:

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Weitere Quellen:

https://www.middleeasteye.net/news/they-came-kill-funeral-held-palestinian-shot-dead-settler

https://www-middleeasteye.net/news/israeli-settlers-attacks-against-palestinians-west-bank-tripled-2018-report

 

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(Übers: Gerhilde Merz)