Ostergedanken

Ostergedanken

Nell Potter

Sea of Galilee

(Bild: Mit beiden Füßen im Galiläischen Meer)

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„Ich wanderte durch ein Land, das nicht das meine ist, ein Land, dessen Kummer sich bis zu den Sohlen meiner Füße einschlich und in meinen Adern pulsierte  … und so bin ich wieder aufgewacht“ (Nell Potter)

2015 hörte ich bei der Präsentation des Ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel (EAPPI) zu. Ich sah und hörte gespannt zu, wie die ökumenischen Begleiter (EAs) Zeugen wurden und über Menschenrechtsverletzungen berichteten, die sie in der Westbank in Palästina angetroffen hatten, wenn sie Palästinenser und Israelis trafen, die an gewaltlosen Wegen zum Frieden arbeiteten. 

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„Das kann ich auch tun“, dachte ich und der Funken eines Feuers begann in mir zu glühen. Und so fand ich mich im Frühjahr 2017 in einem Flugzeug auf dem Weg zu einem neuen Abenteuer. 

EA zu sein, war bei weitem die beste Sache, die ich in meinem Leben getan habe. Ich habe mich nie so erfüllt und lebendig gefühlt, obwohl ich an fast jedem Tag aus meinem bequemen Leben geworfen wurde! Und niemals habe ich mich so willkommen gefühlt und wurde von mir ganz Fremden umarmt. Vom ersten Tag an, als ich meinen Fuß in die Altstadt von Jerusalem setzte, tönten mir die Worte „Willkommen!“ und „Wie geht es dir?“ laut und klar entgegen, wo immer ich mich bewegte. 

Ich hatte das Privilegium, etwas tun zu dürfen, das nicht vielen Leuten beschieden ist. Ich bekam eine Realität zu sehen, die vor Zuschauern versteckt wird, und die sich den meisten Pilgern nicht zeigt, wenn sie durch das Heilige Land reisen. Ich ging hinter die Trennungs-mauer, durch die Checkpoints und in die Häuser einheimischer Palästinenser. Was ich hörte, sah und lernte, prägte sich meiner Seele zutiefst ein und ist heute für mich noch so lebendig wie es vor drei Jahren war.  

Ostern 2017 hatte ich das Glück, während dieser besonderen Zeit im Jahr im Heiligen Land zu sein. Statt mich den Herden von Leuten anzuschließen, die auf dem Weg nach Jersalem waren, entschloss ich mich für eine andere, aus der Bibel bekannte Gegend, Tiberias am See Genezareth (= Galiläisches Meer).

Am Karfreitag saß ich direkt am Wasser, und während die sanften Wellen meine Füße umspielten, schrieb ich in meinem Tagebuch. Hier kommt ein Teil von dem, was ich aufgeschrieben habe.   

*“Während ich direkt am Wasser sitze in dieser heiligsten Zeit des Jahres, eine Christin, eine Ausländerin, fühle ich eine Träne über meine Wange kollern. Ich frage mich: ‚Warum diese Tränen‘, und ‚Warum jetzt?‘ Könnte es ein Zeichen dafür sein, dass ich mich an einem Ort  

befinde, wo Jesus den größten Teil seiner Berufung gelebt hat? Könnte es sein, dass es da eine Erinnerung gibt an den Tag, als man ihn an den Händen und an den Füßen ans Kreuz genagelt hat? Könnte es mein Kulturschock sein, mich unter die Menschen zu mischen, die in Freiheit leben, nachdem ich vorher 2 ½ Monate in der Westbank verbrachte mit Menschen, die ständig mit dem Gewicht der Unterdrückung auf ihren Schultern zu leben gezwungen sind? Könnte ich das Gefühl haben, eine Außenseiterin zu sein, wenn ich doch so gewohnt bin, als eine aus der Familie begrüßt zu werden?“*

Um zu verstehen, warum es mich so stark bewegte, eine „ökumenische Begleiterin“ zu sein, lasst mich einen Blick darauf werfen, was ich erlebt habe. 

Wenn du je bei den Leuten gesessen bist und hast dir deren Leidensgeschichte erzählen lassen, weißt du, wie hilflos du dich fühlen kannst. Ich erinnere mich besonders an einen solchen Tag. Wir besuchten eine Familie in einem kleinen palästinensischen Dorf und hörten zu, wie ein Vater sich erinnerte: vor gerade zwei Nächten schlugen etwa 15 israelische Soldaten – von Hunden begleitet – um 1 Uhr früh heftig an seine Tür . 

Drei Generationen lebten in diesem Haus; alle Personen wurden ins Wohnzimmer getrieben; dort mussten sie sich hinsetzen und warten, während die Soldaten das Haus durchwühlten. Den 14jähriger Sohn packten die Soldaten und zerrten ihn in ein Schlafzimmer; die Familie konnte hören, wie sie ihn ausfragten. Dann schleppten die Soldaten den Buben aus dem Haus und sagten dem Vater, sie nähmen ihn zu einer Befragung über Steinewerfen mit und würden ihn in zwei Stunden wieder nach Hause bringen. 

Ich habe noch deutlich vor mir, wie sich die Angst während des Erzählens im Gesicht des Vaters ausbreitete. Als wir zu Besuch kamen, war sein Sohn immer noch nicht zurück-gebracht worden und trotz aller seiner Bemühungen war der Vater nicht in der Lage herauszu- finden, wo oder wie lange sein Kind festgehalten werden würde. Seine Verzweiflung war durch die Tatsache noch erhöht, dass sein Bub von einem Medikament abhängig war und man ihm nicht erlaubte, seine Medizin mitzunehmen. Sie haben den Sohn in Handschellen weggeführt und nur bekleidet mit einem leichten Sommerpyjama. „Es hätte für uns alle eine der glücklichsten Zeiten werden sollen, weil unser ältester Sohn in zwei Monaten heiraten wird – aber jetzt: Wie können wir feiern, wenn ein anderer Sohn abgeführt worden ist?“ Was könnt ihr dazu sagen?

Bei einer anderen Gelegenheit nahm ich teil an einer Tour durch Hebron mit „Breaking the Silence“, einer Organisation von israelischen ehemaligen Soldaten. Es war so unheimlich, in den verlassenen Straßen herumzugehen, es war wie durch eine Geisterstadt zu wandern: Wohnhäuser und Geschäfte waren desolat, die Türen verriegelt und zugesperrt. In einigen Straßen erlaubt man den Palästinensern zu gehen, aber sie dürfen dort nicht fahren, und es gibt auch einige Straßen, die sie überhaupt nicht betreten dürfen. Wenn Palästinenser an diesen Straßen wohnen, müssen sie zum Herein- und Hinauskommen in ihre Wohnungen das Dach benutzen oder einen Hintereingang. Als unsere Ausflugsgruppe durch diese Straßen prominierte, gab es von einem der ehemaligen Soldaten ein Kommentar, des mir einen Schauer über den Rücken jagte. Er erzählte uns von dem Ausdruck, den das israelische Militär gebraucht, um das Gebiet frei von Palästinensern zu bekommen: „Sterilisation“. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen!

Früh am Morgen stand ich meistens an den Eingängen von Gattern zu den Feldern in dem Gebiet, wo ich wohnte und ich nippte an dem starken Kaffee, der ganz nahe in einem Kiosk angeboten wurde. Mein Team wartete, sprach mit Soldaten, wenn nötig, und notierte alle Menschenrechte betreffenden Zwischenfälle für den Bericht. Meistens standen Bauern in der Reihe mit ihren Traktoren und Eseln und warteten, um durch die Gatter zu ihrem eigenen Land fahren zu dürfen, das ihnen durch die Trennungsmauer weggenommen worden war, die Israel illegal auf palästinensischem Land gebaut wurde. Auch mit gültigen Passierscheinen war der Zugang willkürlich und hing ab davon, welcher Soldat am Gatter Dienst hatte und in welcher Laune er an diesem Tag war. Begründungen für die Verweigerung des Zutritts für die Leute waren … „Deine Klamotten sind zu sauber“, „Du hast auf deinem Passierschein einen Kaffeefleck“ oder „Du hast zwei Packungen Zigaretten dabei“. Komplett absurd! Es könnte dich zum Lachen bringen, wenn die Sache nicht so ernst wäre!

Im Laufe der drei Monate, die ich in Palästina verbrachte, traf ich viele Leute mit verschiedenen Lebensläufen und jedermann bezeugte – egal ob er/sie Muslim war oder Christ – die harte Realität des täglichen Lebens: Man hatte ihnen ihre fundamentalen Menschen-rechte  entzogen – mit verheerenden Konsequenzen. Das ist und war ihre Realität seit nunmehr 53 Jahren. Wir haben die Leute immer gefragt, ob sie wohl Hoffnung haben, und sie antworteten alle ohne Unterschied JA und zogen die Schultern hoch: „Was können wir denn sonst tun?“ 

Jetzt ist es Ostern 2020. In einem gewissen Sinn habe ich Palästina niemals richtig zurück-gelassen; ich brachte es in meinem Herzen mit nach Hause, um der Existenz der Menschen auch auf australischem Boden zu leben und zu atmen zu helfen. Es macht mich traurig, dass viele Christen hier nicht wissen, was wirklich im Heiligen Land vorgeht. Sie machen Tourismus-Touren zu den biblischen Stätten, schauen sich die antiken Steine an, versäumen aber, die „lebenden Steine“ – die palästinensischen Christen – zu treffen und mit ihnen zu reden.

Die palästinensischen Christen bitten die Christen weltweit, sie und ihre Anliegen nicht zu

vergessen. Die christlich-palästinensische Narrative wird oft im Gespräch über das Heilige Land übersehen. Die Präsenz der Kirche in Jerusalem ist ständig bedroht und traurigerweise

verlassen palästinensische Christen das Heilige Land in einer so großen Zahl, dass die Zurückgebliebenen befürchten, dass die christliche Präsenz in ihrem Geburtsland eines Tages aufhören wird. 

–oo0oo–

*Nell Potter ist Exekutiv-Sekretärin im Palestine Israel Ecumenical Network (PIEN) in

 Australien. https://facebook.us14.list-manage.com/track/click?u=70813d3d15ac4637582781b8e&id=3b5fabba26&e=bb7a291c18 

Sie ist auch Vorsitzende-Stellvertreterin der neu geschaffenen Asia-Pacific Global Kairos Solidarity Gruppe*.

(Übers.: Gerhilde Merz)