Palestine Update Nr. 365 – 14.5.22 – Schwedische Christliche Frauen … 

Palestine Update Nr. 365 – 14.5.22 – Schwedische Christliche Frauen … 

*Schwedische Christinnen anerkennen Israels Annexionspläne nicht*

*Die Beziehung zwischen den Kirchen Schwedens und den palästinensischen Kirchen ist sehr stark. Die „Church of Sweden“ arbeitete über den Lutherischen Weltbund bereits, als die Palästinenser Flüchtlinge wurden und in den Jahren 1948-49 die erste Nakba erfuhren.* 

*In diesem Artikel reagieren vier gut bekannte schwedische Christinnen – einige davon mit vielen Jahren Arbeitserfahrung in Palästina und Israel – auf die israelischen Annexionspläne und betonen die historische Verantwortung der Europäischen Union.*

*Anna Karin Hammar ist die europäische Koordinatorin des globalen Kairos für Gerechtigkeit. Anna Karin Hammar arbeitet auch zusammen mit Lena Lönnquist als gemeinsame ökumenische KoordinatorInnen für Kairos Palestine – Schweden.*

 

    Two butterflies with flags of Palestine and Sweden — Stock Photo ...Shtayyeh: Respond to Israeli annexation, recognize Palestine as ... 

(Bild 1: Zwei Schmetterlinge mit den Flaggen von Palästina und Schweden – Stock Photo)

(Bild 2: Shtayyeh: Antwort auf Annexion durch Israel, Anerkennung von Palästina als …)

„Jetzt blutet jeder“, sagt die bekannte christliche Vorkämpferin und Aktivistin für Gewalt-losigkeit Jean Zaru in Ramallah und beschreibt damit die Situation im heiligen Land. Sie fährt fort: „Wir Palästinenser bluten körperlich. Israel blutet moralisch.“

Aber es kommt noch eine andere verzweifelte Stimme – Nora Carmi in Jerusalem. Jahrelang war sie Teil der christlichen Bewegung Sabeel und von Kairos Palestine – in unaufhörlichem Drängen um einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina. Ihr Ringen ist aus ihrer Stimme gut hörbar, als sie endet:

„Von menschlichem Standpunkt aus ist das palästinensische Projekt am Ende angekommen. Wenn die Annexion der Westbank anfängt, gibt es nur mehr eine ‚Zweistaat-Lösung‘ – Israel und den Gazastreifen.“

Morgen (am Freitag, dem 15. Mai 2020) könnte der Tag sein, an dem über die Zukunft von Jean Zaru, Nora Carmi und die christliche Gemeinde im heiligen Land entschieden wird, weil die Außenminister der EU zusammen kommen um über die Zukunft des palästinensischen Volkes zu diskutieren. Was im Raume steht, ist, wie sich die Europäische Union zu den      

israelischen Plänen verhält, große Teile der Westbank mit 1. Juli zu annektieren. 

Rund um die Welt erheben sich Stimmen, die die EU auffordern, mit Gewalt die Annexion zu verhindern, indem sie weitreichende Sanktionen und Restriktionen über Israel verhängt, in gleicher Weise, wie sie diese gegen Russland verhängt hat als Antwort auf die illegale Annexion der Krim 2014. 

Eine Annexion wäre der Schluss-Nagel auf den Sarg jedweder Zweistaatenlösung; die Vision von zwei unabhängigen und friedlichen Staaten – Israel und Palästina – Seite an Seite und in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht und den Resolutionen der Vereinten Nationen (von UNO-Resolution 181 bis SC 2334) bildet die Basis für beide, den Staat Israel und den Staat Palästina. 

Eine Annexion der Westbank wird das palästinensische Volk – einschließlich Parteien der  palästinensischen Christen und anderer Gruppen, die innerlich zur Gemeinde gehören – in ein Volk ohne rechtlichen Schutz und ohne Zugang zu den fundamentalen zivilen und demokratischen Rechten verändern. Der Name für ein solches System ist – in Afrikaans und nach internationalem Recht (Völkerrecht) „Apartheid“. Ein solches System ist ein Verbrechen

gegen die Menschlichkeit und fordert die internationale Gemeinschaft heraus. 

Israels Annexion kommt zeitgerecht – während die Welt sich auf die Beendigung der  Corona-Pandemie einspielt. Aber die Annexion hat auch den unvorhergesehenen und lebens-gefährlichen Rückhalt durch die USA, die Israels Völkerrechtsbruch zustimmt.

Die Christen im heiligen Land haben Trumps sogenannten Friedensplan immer wieder als das entlarvt, was er ist – ein Plan, der weder das Völkerrecht noch die christliche Gemeinschaft zur Kenntnis nimmt. 

In ihrer jüngsten Stellungnahme vom 7. Mai (www.lpj.org 

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weisen die dreizehn Kirchenleiter in Jerusalem wieder einmal darauf hin, wie die palästinen-sischen Christen komplett abwesend sind in diesen Plänen, Übereinstimmung mit dem

Völkerrecht fordern und nach Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit für alle rufen. In dieser Stellungnahme fordert die christliche Führerschaft außerdem die Einigkeit unter ihrer eigenen palästinensischen politischen Führerschaft – um eine geeinigte Front zu repräsentieren, die sich der Herstellung des Friedens widmet. 

In der israelischen Tageszeitung Haaretz (5. Mai 2020) beschreiben der katholische Priester  Jamal Khader und sein lutherischer Kollege Munther Isaak – beide leben in Bethlehem – was sie als Zukunft vor sich sehen, wenn die Annexion durchgeführt wird (siehe Palestine Update Nr. 363):

„Dieser Plan gestaltet das Heilige Land um zu einem „zionistischen Märchenland“ als Vergnügungspark für extreme christliche Evangelikale und Juden, während die einheimische christliche Bevölkerung durch die Zwangsherrschaft Israels unterjocht bleibt. In der Tat, der Plan bietet eine grausame und künstliche Trennung zwischen zwei Städten, die die wichtigsten heiligen Stätten der Christenheit – Bethlehem und Jerusalem – beherbergen.“

Das sind Momente, die für immer in die Geschichte eingegraben sind. Jahre, in denen die zerstörerischen Entscheidungen mit desaströsen Konsequenzen getroffen werden. Die „Berliner Konferenz“ von 1884 -1885 ist ein solcher Moment, der sich immer noch zutiefst auf den Kontinent Afrika auswirkt. Ein anderer ist der 16. Mai 1916, als Frankreich und Großbritannien mit Unterstützung von Russland den Plan für die Teilung des Mittleren Ostens nach dem Ersten Weltkrieg entwarfen.

Wird das Schweigen der Welt 2020 neuerlich zu einem finsteren Jahr machen – diesmal in der Geschichte des heiligen Landes? Wird das der Moment sein, wenn die Pläne der extremistischen Siedlerbewegung nicht mehr abgelehnt werden und der Staat Israel Apartheid wählt?

Innerhalb der abrahamitischen Religionen haben die Propheten prominente Stellungen. Ein Prophet ist einer, der sich auch unbequemen Wahrheiten unverrückbar stellt – aber er ist immer noch in der Lage, Hoffnung zu vermitteln. Außerdem: Propheten sind durch ein göttliches Pathos für Gerechtigkeit und Frieden charakterisiert.

Wir, die AutorInnen dieses Aufrufs, haben die prophetische Stimme der palästinensischen Christenheit gehört, einer Stimme, die nicht schweigen kann, wenn unmoralische Pläne durchgeführt werden. In Israel sind die Siedlerbewegung und die rechtslastige politische Agenda nicht mehr an der Peripherie. Mehr und mehr frisst sie sich in die Gesellschaft und beeinträchtigt jedermann. Hier ein Haus demolieren, dort ein kleines Mädchen umbringen … wieder einen anderen Olivenhain ausreißen und zerstören … Wieder ein nächtlicher Überfall – irgendwo, überall.

Der Plan soll bis zum Dezember 2024 durchgeführt sein. Aber dagegen weigern sich die Christen in Palästina, sie werden keine passiven Zuschauer sein. Sie sind Teil einer wachsenden gewaltlosen Bewegung, die sich fleißig um Unterstützung bei der internationalen Gemeinschaft bemüht, aber diese selten erhält – und schon gar nicht vom Westen. 

Wird die Europäische Union jetzt in Aktion treten und Sanktionen gegen Israel verhängen, um die Annexion der Westbank zu stoppen und das Völkerrecht (Internationale Recht) wieder herzustellen?

Co-Autorinnen:

Sune Fahlgren, Rev.-Drin der United Church in Sweden   

Anna Karin Hammar, Rev.-Drin der Church of Sweden

Kjell Jonasson, Rev. Der Church of Sweden

Lena Lönnqvist, Mitglied der United Church in Sweden

https://www.dagen.se/debatt/dags-for-eu-att-skriva-historia-och-satta-stopp-for-israel-1.1714132

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(Übers.: Gerhilde Merz)

Angehängt: Ein Brief von Mazin Qumsiyeh, Prof. am Palestine Institute of Biodiversity and Sustainability an der Bethlehem University   

 

 

“There may be times when we are powerless to prevent injustice, but there must never be a time

when we fail to protest”  (Ranjan Solomon)

 

(Es mag Zeiten geben, in denen wir machtlos sind, um Ungerechtigkeit abzuwehren, aber es darf nie eine Zeit geben, in der wir nicht dagegen protestieren!)  

 

Heute -22.5.-übersandt von Ekkehart Drost, Göttingen:

 

„Liebe Freunde und Kollegen,

 

Heute, am Freitag, erlebe ich zum ersten Mal, dass der „Al-Quds/Jerusalemtag“ mit dem „Welt-Biodiversitäts-Tag“ zusammenfällt. Ersterer ist der letzte Freitag im Ramadan (Mond-Kalender), an dem wir alle an die belagerte, kolonisierte und fast täglich brutalisierte Stadt denken sollen, seitdem ihr Westteil 1948 ethnisch gesäubert wurde und ihr Ostteil seit 1967 besetzt ist. Der Welt-Biodiversitäts-Tag erinnert uns an unsere Verbindungen zu allem Leben. Für mich symbolisiert Jerusalem die menschliche Diversität (unter Angriff) und die Biodiversität der Erde (auch unter Angriff).

 

Meine 88jährige Mutter erinnert sich an ihre Schulfreundin (beide waren in der Lehrerausbildung). Hayah AlBalbisi wurde zusammen mit Schülern, die sie im Dorf Deir Yassin westlich von Jerusalem unterrichtet hat, im April 1948 getötet (eines von 33 Massakern, die begangen wurden, um die Palä-stinenser auszutreiben). Dadurch sollten Jerusalem und Palästina judaisiert werden. Aber meine frühesten Erinnerungen an meine Mutter sind, dass sie in den 1960ern gebrauchte Kleidung und Nahrungsmittel mit einem freundlichen Lächeln an Flüchtlinge gegeben hat. Die Linie meiner Groß-mutter kommt von Nazareth und ich wünschte, ich könnte noch einmal mit meiner Mutter nach Nazareth gehen. Wir wollen nie vergessen: wir wollen Palästina befreien und die Flüchtlinge werden heimkehren. Palästina wird wieder sein, was es früher war: multi-ethnisch, multi-kulturell, multi-religiös. Meine Mutter und ich glauben zutiefst an diese menschliche und natürliche Diversität. Sie schaut immer noch auf die Natur – auch in ihrem hohen Alter. Als Kinder hat sie uns in die Felder geführt, und wir haben wilde Pflanzen als Gewürze und für Medizin gesammelt. Von ihr habe ich gelernt, die Vielfalt bei Mensch und Natur zu lieben.

 

Immerhin, wir halten den Kampf aufrecht, Leute helfen Leuten vor dem Eid in Ramadan. Ich bin stolz, Mitchristen zu sehen, die auch ihren armen muslimischen Nachbarn helfen. Unser Rotary-Club verteilte Ess-Pakete. Es gibt bei so vielen Leuten den Geist von Freundschaft und Zusammenarbeit. Gestern habe ich mit den katholischen De la Salle Brüdern gegessen und vor Iftar mit einem muslimischen Sheikh; Dinner täglich mit unserer Volontärin Zohar (Zohar wurde in Palästina in eine jüdische Immigrantenfamilie geboren, aber sie ist wie ich Anti-Zionistin). Dieser menschliche Geist ist es, der so vielen von uns Hoffnung macht; ich wünschte nur, dass das von negativ eingestellten Leuten (Egoisten) endlich verstanden wird.

 

In Bethlehem ist heute von 7 Uhr abends an bis Montag Mitternacht vor allem Protest; daher bleib‘ ich mit zwei Volontären im Museum: die Tiere füttern, die Blumen gießen, das Nachtleben im botanischen Garten studieren. Wenn es über das Wochenende keine Störung gibt, sollte ich ein paar wissenschaftliche Arbeiten fertigkriegen. Jessie bleibt bei meiner Mutter zuhause. Wie die Buddhisten sagen: „Ich nehme fröhlich teil an den Sorgen dieser Welt.“

Palästina: Der dritte Weg voran. Die Palästinenser sind nicht machtlos. Es gibt genug, das sie tun können, um den israelischen Expansionismus zu stoppen. Siehe auch: https://www.aljazeera.com/indepth/opinion/palestine-200518141158305.html 

….

Danke für Rückmeldungen und wahre Freundschaft und grenzenlose Unterstützung für Mensch und Natur

Bleibt menschlich, bleibt sicher und aktiv – Fröhliche Eids Al Fitr

 

Mazin Qumsiyeh

Ein Beduine im Cyberspace und Dorfbewohner zu Hause

Professor, Gründer und (ehrenamtlicher) Direktor des 

Palestine Museum of Natural History

Palestine Institute of Biodiversity and Sustainability an der

Bethlehem University im besetzten Palästina

mazin@qumsiyeh.org