Palestine Update Nr. 369 – 21. Mai 20 – Zwei erklärende politische Fakten

Palestine Update Nr. 369 – 21. Mai 20 – Zwei erklärende politische Fakten 

Meinung

*Zwei erklärende politische Fakten – Zwei Auszüge aus Artikeln, die Sie lesen müssen*

In der Geschichte der Unterdrückung, die einem ganzen Volk oder einer Nation angetan wird, dürfen die Betroffenen ihre Erinnerung nicht ausradieren. Rache ist nicht die ideale Option. Aber Gerechtigkeit ist nicht verhandelbar, und daher ist Schweigen nicht die Antwort. Sie kann aus dem Widerstand kommen – vorzugsweise friedlich. 

Manchmal ist die Verdrängung viel zu brutal. Sie fordert die Leute heraus zurückzuschlagen. Sich zurücklehnen und auf Gerechtigkeit zu warten heißt die Unterdrückung anzunehmen als wäre sie verdient. Unterdrückung ist böse und man muss sie abwehren. Du kannst die andere Backe hinhalten, aber nicht wiederholt. Gewalt muss aufhören oder herausgefordert werden. 

Das Problem mit der Rache ist, dass sie leicht in einen Kreislauf der Gewalt führen könnte – öfter als nicht – und das nimmt unschuldigen Menschen das Leben. Das ist es, warum der asymmetrische Dialog der ideale Pfad zum Frieden bleibt. Wenn die Seite mit der größeren Macht – wirtschaftlich oder politisch – in den Dialog einsteigt, um eine Lösung vorzuschreiben, die ihren politischen Präferenzen passt, dann wird das Ergebnis fehlgehen.

Hier liegt der Fehler der Gespräche und Abmachungen zwischen Palästina und Israel. Sie wurden so gebastelt, dass Israel im Vorteil war. Die USA waren ein besonders ehrloser und unredlicher Verhandler. Auch die EU war nicht prinzipiell eine Partei für den Frieden. Sie hat ihren wirtschaftlichen und strategischen Interessen den Vorrang gegeben gegenüber der Gerechtigkeit als Eckstein. Die von den Pro-westlichen israelischen Medien im Westen verbreitete dominante Narrative ist, dass die Palästinenser eines Tages den Kampf ums Land verlieren werden, und gezwungen sind, wegzugehen. Israel versucht ethnische Säuberung und dieser rassistische Entwurf wird in den Ländern in Europa und Nordamerika verbreitet. Der Rest der Welt kann für alles votieren, das ihnen zu Gunsten von Palästina wichtig ist, aber man muss mit Vetos rechnen, und die großen Zahler verhandeln zuletzt im eigenen Interesse.

Palästinenser sind entmutigt, aber durchaus nicht willig, sich auszuliefern. In ihren Städten und Dörfern gibt es mutige junge Leute – Männer und Frauen, sogar Alte, denen die Erinnerung an die geschichtlichen Geschehnisse der Nakba und sogar noch von früher her in (lebhafter) Erinnerung sind. Dieses Erzählen von historischen Berichten hält die Palästinenser auf Trab, auch angesichts von Zukunftserwartungen. Sie wissen, dass das Land nicht zu Israel gehört, egal, welche Beweise jene aus biblischen und historischen Quellen hervorziehen und gestalten. In der Tat ist – wie Ramzy Baroud argumentiert, die Erinnerung die größte Waffe der Palästinenser. Oder, wie Rana Shubair mutig erklärt: „Wir sind alle einig in unserem Ruf nach dem Recht auf Rückkehr, dem Recht, unser eigenes Land zu besuchen, und dem Recht, in Würde und Freiheit zu leben … Keine Generation hat je an diesen Rechten gerüttelt. Unsere Existenz auf diesem Land ist so tief eingegraben in diesem Boden wie die zeitlosen Olivenbäume“.

Ranjan Solomon

 

 

*Wie die Erinnerung die härteste Waffe der Palästinenser wurde*

*Ramzy Baroud ist in mehreren Zeitungen schreibender Kolumnenschreiber und Herausgeber 

von PalestineChronicle.com* 

How Memory Became The Palestinians' Greatest Weapon - OpEd ...

(Bild: Wie die Erinnerung die größte Waffe der Palästinenser wurde – OpEd …)

*72 Jahre nach der Zerstörung des historischen Palästina durch die Hand der zionistischen Miliz ist eine Gelegenheit vorhanden, das Rückkehrrecht für 5 Millionen palästinensischen Flüchtlingen als zentrales Anliegen zu fordern.*

Gerade 48 Stunden bevor tausende Palästinenser auf den Straßen demonstrierten, stattete  der US-Staatssekretär Mike Pompeo Israel einen 8 Stunden langen Besuch ab, um Israels anscheinend kurz bevorstehende Annexion von 30 % der Westbank zu besprechen. „Die israelische Regierung will über die Angelegenheit entscheiden, wann und wie dieses genau geschehen soll“, sagte Pompeo. Klar, die Regierung von Benjamin Netanyahu hat Amerikas Segen, ihre Kolonisierung des besetzten Palästinas weiter zu treiben, sein Apartheid-Regime zu vertiefen und zu agieren, als wenn die Palästinenser einfach nicht existierten. 

Betrachtet man den massiven politischen Einfluss der USA, wieso bestehen die Palästinenser dann darauf, Forderungen zu stellen, die nach der herrschenden Realpolitik im sogenannten Palästina-Israel-Konflikt unerreichbar erscheinen?  Seit dem Beginn des Osloer Friedens-prozesses in den frühen 1990ern hat die palästinensische Führung Israel und dessen westliche 

Wohltäter (Spender?) mit einer nutzlosen politischen Übung beschäftigt, die letztlich die bereits schreckliche Situation noch verschlechtert hat. Nach mehr als 25 Jahren Feilschen über Stücke und Stückchen von dem, was vom historischen Palästina übrig geblieben war, legen nun Israel und die Vereinigten Staaten das Endspiel fest, während sie sogar  auch noch die palästinensischen Führer dämonisieren, die an ihrer wirkungslosen politischen Scharade teilnehmen. 

Seltsamerweise schien das Wachsen und der Niedergang des sogenannten Friedensprozesses die kollektive Narrative des palästinensischen Volkes nicht zu beeinflussen, die immer noch die Nakba – und nicht die israelische Okkupation von 1967 und ganz sicher nicht das Osloer Abkommen – als den Kernpunkt ihres Kampfes gegen den israelischen Kolonialismus sehen. 

Das kommt daher, dass die kollektive palästinensische Erinnerung komplett unabhängig bleibt von Oslo. Für die Palästinenser ist Erinnerung ein aktiver Prozess; sie ist nicht ein gelehriger, passiver Mechanismus von Kummer und Selbstmitleid, die leicht manipuliert werden können, sondern sie erzeugt neue Perspektiven. Trotz der zahlreichen einseitigen Maßnahmen, die von Israel hervor geholt werden, um das Schicksal des palästinensischen Volkes zu bestimmen, trotz der blinden und ungewöhnlichen Unterstützung der USA für Israel und der ungemilderten Verfehlung der Palästinensischen Autorität (PA), irgendeinen sinnvollen Widerstand zu leisten, fahren die Palästinenser fort, sich ihre Geschichte in Erinnerung zu rufen und ihre Wirklichkeit, die auf ihren eigenen Prioritäten basiert, zu verstehen.

Palästinenser wurden manchmal als unrealistisch bezeichnet: „Palästinenser versäumen nie die Gelegenheit, eine Gelegenheit zu versäumen“, und oft nennt man sie Extremisten, weil sie einfach auf ihren historischen Rechten in Palästina beharren, wie sie im Völkerrecht festgehalten sind. Diese kritisierenden Stimmen sind entweder Unterstützer von Israel oder sie sind einfach unfähig zu verstehen, wie die palästinensische Erinnerung die Politik der gewöhnlichen Leute formt, unabhängig von der Quisling-artigen palästinensischen  Führung oder dem anscheinend unmöglich zu überwindenden „status quo“. Es ist wahr, die beiden Zugpferde – die hartnäckige politische Realität und die Prioritäten der Menschen – scheinen im ständigen Zustand des Auseinander-laufens zu sein. Je mehr Israel mit dem Säbel rasselt, desto stärker halten die Palästinenser an ihrer Vergangenheit fest. Dafür gibt es einen Grund.

Besetzt, unterdrückt und eingesperrt in Flüchtlingslagern haben die Palästinenser wenig Kontrolle über die vielen Wirklichkeiten, die ihr Leben direkt beeinflussen. Es gibt wenig, das ein Flüchtling in Gaza tun kann, um Pompeo davon abzuhalten, die Westbank an Israel abzugeben, oder, was ein palästinensischer Flüchtling aus Ain al-Hilweh im Libanon tun kann, um die internationale Gemeinschaft zu zwingen, sein lange zurückgestelltes Recht auf Rückkehr durchzuboxen. Aber es gibt nur ein einziges Element, das Palästinenser – unabhängig davon, wo sie sind – kontrollieren können: ihre kollektive Erinnerung, die der Haupt-Motivator für ihre legendäre Beständigkeit („sumud“) bleibt. 

Israel hat Angst vor der Erinnerung der Palästinenser, denn sie ist der einzige Unsicherheitsfaktor in seinem Krieg gegen die Palästinenser, den es nicht voll kontrollieren kann. Je mehr Israel sich bemüht, die kollektive Erinnerung des palästinensischen Volkes auszuradieren, desto fester halten die Palästinenser die Schlüssel zu ihrer Heimstätte fest

und zu den Besitztiteln zu ihrem Land in der verlorenen Heimat. Es kann in Palästina niemals ein gerechter Friede sein, solange die Prioritäten des palästinensischen Volkes –

ihre Erinnerungen und ihr Sehnen – nicht Grundlage jedes politischen Prozesses mit den Israelis sein werden.        

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*Flüchtling oder Bürger – Das ist die Frage (Eine Chronik)*

Von Rana Shubair*

Als ich mich entschieden hatte, an den Protesten für den Großen Rückkehrmarsch vor zwei Jahren teilzunehmen, dachten die Leute, ich wäre ein Flüchtling aus dem besetzten Palästina. Ich habe mich nie gescheut, klar zu erklären, dass ich ursprünglich aus Gaza wäre, aber auch, dass ich zu ganz Palästina gehöre. Als ich aufwuchs, pflegten die Leute in meiner Gesellschaft mich mit der Frage zu löchern: Bist du eine Staatsbürgerin oder ein Flüchtling? In meiner Kindheit wusste ich überhaupt nicht, wie ich darauf antworten sollte, denn meine Eltern hatten mich nicht gelehrt, dass unsere Gesellschaft in die Kategorien „Flüchtlinge“ und „Staatsbürger“ geteilt war. 

Als meine Familie und ich nach einem fünfjährigen Aufenthalt in den USA zurückkamen, war ich in der zehnten Schulstufe. Ich war enttäuscht herauszufinden, dass meine palästinensischen KlassenkameradInnen mir die gleiche Frage stellten, die man mir schon in der Volksschule gestellt hatte. Im Herzen hat es sich angefühlt wie eine Beleidigung, wenn man mir diese Frage stellte, wo immer ich ging, weil ich niemals geglaubt hatte, dass zwischen uns beiden ein Unterschied bestehe. Zu dieser Zeit und in dem Alter glaubte ich, dass sich der Abstand zwischen Flüchtling und Einheimischem mehr oder weniger geschlossen habe. Alle Bewohner des Gazastreifens leben unter den gleichen Lebens-umständen, wenn es um Okkupation und Blockade geht. Während der drei Hauptangriffe, die in den Jahren 2008-2009, 2012 und 2014 gegen Gaza erfolgt sind, wurden Flüchtlinge und Bürger von der israelischen Kriegsmaschinerie gleich gezielt angegriffen und getötet. Diese „Scherz“-frage nach Flüchtling oder Einheimischem öffnete meine Augen für die Notlage unserer Leute im jugendlichen Alter. 

Ich war überrascht zu finden, dass viele der Flüchtlinge die Gazaer mit Neid anschauten, weil sie diejenigen waren, die damals Land und Häuser besaßen, während die Flüchtlinge in Lagern lebten, die von der UNO-Agentur für die Palästinenser (UNRWA) gebaut wurden; sie  wohnten unter ärmlichsten Verhältnissen. Ich erinnere mich, dass ich damals, sechs oder sieben Jahre alt, eine Freundin im Flüchtlingslager Khan Younis besuchte und mir die Hände waschen wollte: das ganze Keramik-Waschbecken rasselte plötzlich herunter und lag in vielen Scherben auf dem Fußboden. Die Wohnungen im Flüchtlingslager waren in einem Zustand, der einen Eindruck von ihrer vorläufigen Existenz gab. Die Dächer waren aus Wellblech und die Häuser waren buchstäblich eines an das andere geklebt und lagen an engen und dreckigen Gassen. Die Nachbarn konnten einander beim Gespräch oder am Streiten zuhören, und sogar die Clo-Spülung war zu hören. Weil ich in der Mitte der 90er aufwuchs, konnte ich des Öfteren meine FlüchtlingsfreundInnen und -bekannten, die in diesen Lagern lebten, reden hören, wie vorläufig ihre Häuser wären, und dass die Rückkehr in ihre Heimat und zu ihren ursprünglichen Ländereien nur eine Frage der Zeit wäre. Jede Generation würde dieses Vermächtnis an die nächste weitergeben: „Eines Tages kehren wir zurück“. Die erste Generation von Flüchtlingen (nur die Überlebenden), die 1948 vertrieben wurden, tragen noch heute ihre Haustorschlüssel mit sich und ihre Grunddokumente. Am 30. März 2018 entschieden die Leute in Gaza, es sei an der Zeit für einen Tag der Rückkehr. Seit der Nakba von 1948 waren schon 70 Jahre vergangen – und am Grund schien sich nichts zu verändern. 

Die israelische Okkupation annektiert mehr Land, demoliert mehr Wohnhäuser, ermordet mehr Palästinenser und brachte- bringt – tausende ins Gefängnis. Die Blockade von Gaza ist in ihr 12. Jahr gegangen; Gaza wurde zu einem Konzentrationslager, in dessen Innerem zwei Millionen Menschen unter beklagenswerten Zuständen eingesperrt sind. Die UNO hat prophezeit, das ein Leben in Gaza 2020 nicht mehr lebbar sei. Aber schon lange vorher war es nicht mehr geeignet als menschliche Wohnung. Als ich an den Protesten teilnahm, waren meine Kinder zur gleichen Zeit erstaunt und blass geworden, als sie einen Blick auf unser besetztes Land werfen konnten.

Am ersten Tag des Protestes zeigte ich von Weitem auf den Trennungszaun und was dahinter lag. Wir konnten weit ausgedehnte grüne Flächen sehen und dahinter die Scharfschützen auf den niedrigen Hügeln. „Das ist unser Land“, sagte ich und unterdrückte mein Schluchzen. Meine Kinder haben wie alle anderen Kinder hier nur Städte in Palästina in ihren Schulbüchern besucht. Es war für sie verblüffend, als ich versuchte ihnen zu erklären, wieso Palästinenser nicht nach Jerusalem oder Hebron gehen können. Jetzt, seit sie erwachsen sind, haben sie aufgehört, Fragen zu stellen. Es ist eine der harten Wirklichkeiten geworden, mit denen sie als Palästinenser zurechtkommen müssen. Durch den Ausbruch der Covid-19-Pandemie mögen Länder weltweit angefangen haben zu kapieren, was Ausgangssperre wirklich bedeutet. Für uns Gazaer gilt diese jetzt schon seit 14 Jahren. 

Leute in anderen Ländern würden jetzt das Ziel ihrer Sommerferien planen. Für uns findet das Reisen im Großen und Ganzen nur aus der Notwendigkeit statt. Anlässlich des 72. Erinnerungstages an die Nakba kann ich überzeugt sagen, dass wir alle vereint sind in dem Schrei nach dem Recht zur Rückkehr, dem Recht, unser eigenes Land zu besuchen und dem Recht, in Würde und Freiheit zu leben. Keine Generation meines Volkes wurde je schwankend in der Forderung auf diese Rechte und auch keine Generation wird das je tun. Unsere Existenz in diesem Land ist ebenso eingegraben in die Erde wie die zeitlosen Olivenbäume. 

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(Übers. Gerhilde Merz)