Palestine Update Nr. 441 – Was hat uns die Welt gegeben? 30.1.21

Palestine Update Nr. 441 – Was hat uns die Welt gegeben? 30.1.21

Was hat uns die Welt gegeben?

Ein Brief an Präsident Biden aus Nabi Saleh

Ich pflegte die Zweistaaten-Lösung als den Weg der Palästinenser zur Freiheit zu verteidigen. Aber nach drei Jahrzehnten Oslo-Abkommen muss der „Friede“ erst geboren werden.

Von Bassem Tamimi

Israeli troops fire tear gas at a protest calling for the release of Palestinian prisoners from Israeli jails, in the West Bank village of Nabi Saleh, Jan. 13, 2018. (Flash90)

Bild: Israelische Soldaten feuern Tränengas auf Protestierer, die die Entlassung von palästinensischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen in der Ortschaft Nabi Saleh in der Westbank fordern.

 

Im Namen Allahs, des Allerwohltätigsten, des Barmherzigsten

An Mr. Joe Biden, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Grüße aus Palästina!

Ich beginne mit  S a l a m  oder Friede, als einem Wert, einer Identität und einem gemeinsamen Projekt für die ganze Menschheit. Der Frieden, auf den wir hoffen, wird uns dienen als eine Manifestation unserer nationalen Existenz in unserem Land, und als die Vertiefung unserer Ethik. Ein Frieden, der menschlichem Leben Wert gibt und sich verkörpert in der zivilen Wechselwirkung zwischen unserem Volk und unserem Land – unserem Heimatland Palästina mit seiner ganzen über die Zeiten hin beständigen Geschichte. Das ist der Frieden, auf dem wir unser Morgen und die Zukunft unserer Kinder aufzubauen versuchen. Der Frieden, von dem der Feind möchte, dass wir darauf verzichten, damit er seine biblischen Fantasien bewahrheitet, die glauben machen sollen, dass dieses Land ein Land ohne Menschen ist.

Mr. Präsident, wenn Sie in das Weiße Haus einziehen, möchte ich Sie an die Palästinenser erinnern, die aus ihren Häusern flüchten mussten – in ihrer Erinnerung: ihren „Palästen“ – nur, um Flüchtlinge zu werden; solche, deren Lebensgrundlagen zerstört worden waren, und die in die Verdrängung gezwungen wurden. Ich beispielsweise gehöre zu der Generation, die die Nakba, den Krieg von 1967, durchlebt hat, der der Nakba folgte, dem Exodus der Palästinenser, der dem Krieg von 1948 folgte. 

Ich wurde von Israel eingekerkert, weil ich Widerstand gegen die Okkupation leistete. Ich wurde in Verhörkellern so brutal gefoltert, dass ich längere Zeit überhaupt nicht gehen konnte. Meine Schwester wurde im israelischen Hauptquartier, dem sogenannten  „Militärgericht“ direkt vor den Augen ihres zwölfjährigen Sohnes kaltblütig geschlagen. Mein Land im Dorf Nabi Saleh wurde enteignet, und dann haben Fremde darauf ihre Häuser gebaut. Meinem eigenen Heim, das wir 1964 gebaut haben, haben sie mit Zerstörung gedroht, weil es in der Area C lag, die auf Grund des Oslo-Abkommens unter volle militärische und administrative Kontrolle Israels fällt.  

Ich habe an den Frieden geglaubt und an die von der Palestinian Liberation Organization (PLO; die Führung unseres Volkes) als unseren Weg zur Befreiung von der Okkupation   angenommene Zweistaaten-Lösung. Ich habe diese Lösung verteidigt, mit anderen darüber debattiert, und gekämpft, sie zu erreichen. Ich habe für den Frieden gesungen und meinen eigenen Sohn „Salam“ genannt als einen Vorboten für eine andere Zukunft. Aber nach so vielen Jahrzehnten des Friedensprozesses muss der „Frieden“ erst geboren werden. Das Zünglein an der Waage der Macht hat sich zugunsten unseres Widersachers geneigt. Bulldozer zwingen uns am Ort eine Realität auf, die nicht nur mit guten Vorsätzen über Liebe und Frieden überwältigt werden können. 

Mr. Präsident, eines Tages, als Salam fünf Jahre alt war, kam er weinend zu mir und sagte: Gib mir einen anderen Namen, ich möchte nicht Salam genannt werden!“ Er hatte Leute reden gehört, wie sie sich lustig machten und den „Friedensprozess“ verfluchten. Mein Sohn glaubte, dass er mit „Salam“ gemeint war, über den sie sprachen. Wie wollen Sie, Mr. Präsident, die Bedeutung des Wortes richtigstellen, damit mein Sohn seinen Namen lieben lernt? Wie kann die Bedeutung der Wörter Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie in den Köpfen unserer Kinder richtiggestellt werden? Wie können wir sie bewahren vor der lauernden Versuchung zum Terrorismus, unter dem wir heute alle leiden?

Fast drei Jahrzehnte nach der Unterzeichnung der Osloer Abkommen hatte ich eine Diskussion mit meiner Tochter Ahed und ihren FreundInnen, nachdem wir an einer Protestveranstaltung gegen Annexion und Siedlungen teilgenommen hatten. Mitten in einer Wolke von Tränengas und Kugeln und gegenüber der Gewalt des Staatsterrorismus, der sich gegen die neue Generation von Freiheitskämpfern richtete, versuchte ich meine intellektuelle Tapferkeit einzusetzen, indem ich für die Zweistaaten-Lösung eintrat. Darauf sagte Ahed zu mir:

„Du, deine Generation und die Generationen vor euch kämpften und wurden eingesperrt, verwundet und getötet. Unsere Führung – und ihre ganze Geschichte und ihr Symbolismus, und das Vertrauen, das unser Volk in sie setzte – glaubte an diese Lösung. Wir glaubten der Welt, der UNO und dem Völkerrecht, und gaben 78 Prozent des Landes Palästinas für diese Lösung, für den Frieden auf.    

Was haben Sie gewonnen? Was hat die Welt, die Ihnen ein Land versprach, Ihnen wirklich gegeben? Sehen Sie die Siedlungen nicht, Vater? Sehen Sie die Trennmauer nicht? Sehen Sie nicht, dass die Welt unser Blut und unser Leiden nicht bekümmert? Diese Welt wünscht sich, dass unser Leiden weitergeht, weil sie damit der Last des Bedauerns für ein Verbrechen entgeht, das sie gegen die Menschlichkeit begangen hat. Ein Verbrechen, für das wir den Preis in Schmerz und Leiden bezahlen, immer, seitdem die Balfour Deklaration sagte, unser Land sei der Platz, an dem der Staat Israel eingerichtet würde, um die Interessen der Kolonisierung   zu verteidigen. 

So, wenn wir getötet werden sollen, verwundet und eingesperrt für ein Experiment, das – wie die Welt bestätigt hat – nicht gelingen kann, sollten wir uns selbst opfern für die Befreiung unseres Volkes und unseres Landes. Wir sollten einen Staat Palästina herstellen, in dem jedermann frei und friedlich lebt ohne Diskriminierung aufgrund von Rasse, Religion oder Hautfarbe. Ein freies Land für ein freies Volk.

Mr. Präsident, wir nehmen zur Kenntnis, dass die Welt immer noch an die Zweistaatenlösung glaubt. Wenn für den Frieden noch eine Chance geblieben ist, kann der Weg dorthin nur durch das palästinensische Volk und seine legitimen Führer führen. Weder die „Arabische   Normalisierung“ noch der “Deal des Jahrhunderts“ noch ein „lauwarmer Druck“ kann eine Lösung aufdrängen, die die Rechte unseres Volkes vernachlässigt.

Mr. Präsident, aus Palästina laden wir Sie ein, das Versprechen der Freiheit zu verkörpern und ein Denkmal für Gerechtigkeit und Weltfrieden aufzubauen. Dieser Frieden fängt mit Palästina als dem Fundament an, auf dem man aufbauen kann, wenn wir uns bemühen, die Hindernisse der Vergangenheit und die Anforderungen der Gegenwart zu überwinden und die Brücke der Hoffnung mit Optimismus und Vertrauen zu überschreiten. 

Alles, was mir geblieben ist, ist Frieden.   

Frieden sei mit Ihnen und über Ihnen.

Bassem Tamimi

Bassem Tamimi ist Gemeindeleiter und Aktivist des „Nabi Saleh Popular Struggle Committee“. Er wurde von Amnesty International während seiner Gefangenschaft 2012 in einem israelischen Gefängnis zum Gewissensgefangenen erklärt.

(Übersetzung Gerhilde Merz)