Samen des Widerstands

Saat des Widerstands – 6.3.18  PU 120

Meinung

Samen des Widerstands

Viele palästinensische Führer schmachten im Gefängnis – ohne ein Verbrechen begangen zu haben und ohne irgendetwas wie ein faires Verfahren. Die Zahl übersteigt heute 6000 (im Jänner 2018 6000+). Der einzige Grund, von Israel bestraft zu werden, ist, ein/e einflussreiche MeinungsmacherIn zu sein, gegen die Besetzung zu opponieren, und ohne Furcht gegen die Gesetzesbrüche Israels zu sprechen. Menschen einzusperren, weil sie ihre politischen Rechte ausüben – die von Israel abweichen – ist Israels faule Taktik, um den Widerstand klein zu halten.

Israel unterscheidet nicht zwischen älteren Menschen, Menschen in den mittleren Jahren, Jugendlichen, Frauen und sogar Kindern, wenn es ums einsperren geht.  Wer immer Israels Vorherrschaft bedroht, wird „weggepackt“ für eine Zeit im Gefängnis. Und diese „Zeiten im Gefängnis“ können oft zahlreiche Jahre dauern und nicht definierte Zeiten. Lebenslänglich im Gefängnis ist nicht so selten. Auch nicht die Zahl der Gefangenen, die zu 20 und mehr Jahren Haft verurteilt sind. Das Gesetz wird willkürlich nur auf Palästinenser angewendet. Das endgültige Gerichtsurteil entbehrt meistens jeder Logik. Ein Urteil endet üblicherweise mit einem Angebot der israelischen Behörden, indem sie einen Handel vorschlagen. Der Handel umfasst ein Geständnis zum Tausch gegen eine weniger harte Bestrafung als ursprünglich angedroht. So läuft die Regel in Israel – in vollkommener Verletzung des internationalen Gesetzes und Straffreiheit.

Israel stellt sich vor, dass diese absurde Politik von Gefängnis für Nicht-Verbrechen den Widerstand brechen oder verringern wird. Aber Israel erfährt Frustrationen vom palästinensischen Geist her. Jede Familie, die einen Gefangenen opfert, wird einen neuen Anwärter für Widerstand produzieren. Junge Gemüter registrieren die Demütigung und Grausamkeit, wenn ihre Väter, Mütter, älteren Brüder und Schwestern von Soldaten bedrängt und ohne Grund arretiert werden. Junge Gemüter registrieren, was passiert, wenn ihre Häuser nur niedergewalzt werden, weil sie ohne Genehmigung trotzdem gebaut wurden, obwohl die Baugenehmigung trotz jahrelang zurückliegendem Ansuchen, bis jetzt nicht eingetroffen ist. Junge Gemüter erlauben sich nicht zu erinnern, wie sie stundenlang ohne erkennbaren Grund am Checkpoint warten mussten. Sie können nicht leicht den Gedanken aus dem Kopf bekommen, dass sie nicht zur Schule gehen können, wenn ein Soldat schlechter Laune ist und das Kind daran hindert, zum Unterricht zu kommen. Auch können sie die Erfahrung nicht wegwischen, zuschauen zu müssen, wie ungezogene Soldaten die Olivenernte der Familie und ihre Feldfrüchte mutwillig zerstören und die harte Arbeit der Bauern über das ganze Jahr kaputt machen. Die Erinnerung, hilfloser Zuschauer sein zu müssen, während ein Baby oder die Mutter am Checkpoint stirbt, weil die medizinische Hilfe zu spät kommt, ist im Gemüt des jungen Zuschauers tief verankert … Diese Liste kann noch sehr verlängert werden.

Grausamkeiten der Israelis, besonders an Jugendlichen und Kindern, führen dem palästinensischen Widerstand in niemals endendem Fluss KämpferInnen zu, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, und jeder Gewalt durch die Besetzer entgegen zu treten. Psychologen sind der Ansicht, dass Kinder zu negativen Auswirkungen neigen, wenn sie der Gewalt in ihrer sozialen und politischen Umgebung ausgesetzt sind. Zu diesen Auswirkungen gehört, dass sie mutiger sind, besonders wenn sie sich gedemütigt fühlen. Kinder sind nicht leicht ausgestattet mit jener Selbst-Überredung, die notwendig wäre, um mit der Empörung zurecht zu kommen, die sie empfinden, wenn sie Zeugen von Gewalt und Grausamkeit sind.

Ahed Tamini’s Ohrfeige für den israelischen Soldaten war keine einfache Impulshandlung. Sie war die Folge davon, dass sie ständig israelischen Übergriffen ausgesetzt war. Und es ist klar, die palästinensische Kultur des politischen Widerstands hat noch viele Ahed Tamimis in ihren Reihen. Besonders die jüngeren Generationen haben viel zu viel gesehen, um sich in eine Kultur des Schweigens stoßen zu lassen. Je härter sich die israelische Okkupation zeigt, umso härter wird der Widerstand sein. Jugendliche und Kinder blühen auf als Kämpfer. Sie sind furchtlos, und das ist nicht neu. Wir haben das an der Ersten Intifada gesehen. Die alte Ordnung muss einer neuen Generation von Idealisten und mutigen Visionären Platz machen. Die Übergebliebenen der PLO haben nicht mehr anzubieten als Kompromisse und leeren Dialog. Inzwischen täte Israel gut daran, von seinem hohen Ross herunter zu steigen, bevor es sich konfrontiert sieht mit zu vielen entschlossenen Kämpfern – nicht nur in Palästina, sondern weltweit.

Ranjan Solomon

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The Observer – Studentenplattform / Brief an den Herausgeber, 28.2.2018

Unterstützung für eine neue Generation von Palästinensern

Stimmen amerikanischer Studenten für Palästina

Für den 11. März 2018 ist Ahed Tamimi – gerade 16 zum Zeitpunkt ihrer Festnahme  – zu ihrer zweiten Anhörung vor dem Militärgerichtshof vorgesehen. Ahed’s Arretierung folgte einem Video (einer Direktaufnahme?), in dem gezeigt wird, wie sie einen israelischen Soldaten schlägt und tritt, als er in das Grundstück der Familie eindringt. Ahed kann 10 Jahre Gefängnis erhalten und bis zu 12 Vorführungen für tätliche Bedrohung und Anstiftung. Israels Militärgerichtshof hat eine fast 100% Rate von Verurteilungen, daher ist es unwahrscheinlich, dass sie durch das Gerichtssystem entlastet wird. Ahed’s Rechtsanwälte und die internationale Gemeinschaft, einschließlich der Vereinten Nationen und Amnesty International haben darauf reagiert, indem sie ihre Entlassung forderten.

Für den Durchschnittsleser mag Ahed’s Geschichte unglaubwürdig erscheinen und kann viele Fragen aufwerfen: Wieso reagierte dieses kleine Mädchen so wild auf bewaffnete Soldaten, die in den Privatbesitz ihrer Familie eindrangen? Warum hat sie Leute in Uniform, die ihrem Auftreten nach nur das Gesetz befolgten, geschlagen und getreten? Warum bestehen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International so unerbittlich darauf, dass es falsch war, sie festzunehmen?

Um ihre Geschichte, das Video und die Aufmerksamkeit der Medien zu verstehen, die sie erhalten haben, muss man die Schichten im Kontext zurückblättern: Es ist von Bedeutung zu wissen, dass am Tage, bevor dieses Video aufgenommen worden war, Ahed Tamini’s kleiner Cousin durch einen Schuss während eines Protests in ihrem kleinen Dorf in Palästina schwerst verwundet wurde. Proteste dieser Art sind oft ein allwöchentliches Ereignis, mit dem die palästinensischen Bürger gegen illegale Land-Konfiskationen, gegen die Entscheidung Trumps, die US-Botschaft zu übersiedeln oder gegen die israelische Besetzung demonstrieren. Ahed, eine aus einer ganzen Generation von palästinensischen Kindern, hat ihre ganze Kindheit und Jugend unter einer militärischen Okkupation verbracht, die nach dem   Völkerrecht illegal ist. Das Land ihrer Familie und ihrer Nachbarn wurde nach und nach stückweise von israelischen Siedlern gewaltsam annektiert; ihre Rechte auf Bewegungsfreiheit, auf Bildung und wirtschaftliche Aussichten, auf nationale Identität und Staatsbürgerschaft werden ständig eingeengt und geleugnet. Sie ist umgeben von Gewalt und Ratlosigkeit – nicht zu vergessen die 403 Meilen lange und 25 Fuß hohe Trennungsmauer  (1Meile = 1,6 km; 1 Fuß = ca. 30 cm), die die besetzten palästinensischen Gebiete umgibt. In diesem Zusammenhang ist Ahed’s Schlag eine „Watschen“ gegen die illegalen Besetzungs-Streitkräfte, die sie und ihre Familie gejagt haben, seitdem sie ein kleines Kind war.

Wenn man der Verfilmung dieses Videos folgt, sieht man, wie Ahed (das blondlockige Mädchen ist höchstens 1,50 cm groß!) aus ihrer Wohnung herausgeschleppt und mitten in der Nacht festgenommen wird. Man hat sie ins Militärgefängnis gebracht, wo sie nach Angabe ihrer Anwälte ohne Rechtsbeistand befragt wurde. Der missbräuchliche Arrest im Militär-gefängnis, ihre Befragung und besonders die sich hinauszögernde Haft sind unvereinbar mit dem Völkerrecht – Die Haft von Kindern ist illegal nach der Konvention für Kinderrechte (1989) (https://facebook.us14.list-manage.com/track/click?u=70813d3d15ac4637582781b8e&id=d02fdabde1&e=267525etr8)

die von Israel unterzeichnet worden ist. Aber Ahed ist nur eines von rund 350 palästinensischen Kindern, die laufend in israelischen Militärgefängnissen festgehalten werden. Und, was verstörend ist, ihr missbräuchlicher Arrest im Militärgewahrsam, ihre Befragung und ihr gewaltsames Festhalten sind nicht einmalig, sondern werden ziemlich häufig angewandt auch in Fällen anderer Kinder, die wegen geringfügiger Verbrechen (oder manchmal ohne irgendein Vergehen) eingesperrt werden und trotzdem behandelt werden wie Erwachsene in einem Militärgericht.

Es ist wichtig anzumerken, dass unter der illegalen Besetzung der Westbank zwei getrennte legale Systems – abhängig von eines Menschen Nationalität und Volkszugehörigkeit – aktiv sind. Israelische Siedler (international anerkannt als illegal in der Westbank lebend) unterstehen Israels normalem Rechtssystem; aber weil Ahed eine arabische Palästinenserin ist, unterliegt sie dem israelischen Militärrechtssystem, angeklagt wegen Bedrohung der Sicherheit. Dieses Rechtssystem richtet sich nicht nach gerechten Gesetzen und wird stattdessen eingesetzt als ein Instrument zur Unterdrückung und um Kontrolle auszuüben, nicht Gerechtigkeit!

Als Amerikaner sind wir Mitverursacher der Unterhaltung der militärischen Okkupation, unter der Ahed lebt – und wir unterstützen das System, das zu ihrem Arrest geführt hat. Unser Steuergeld wird für die Durchführung der israelischen militärischen Okkupation von Palästina ausgegeben – in der Tat, das größte Hilfspaket, das USA für ein anderes Land ausgibt, geht an das israelische Militär – etwa 3,8 Milliarden jährlich!

Was fordert diese Information und unsere finanzielle Mittäterschaft von uns? Zum ersten fordert sie, dass wir kritische Konsumenten der Medien bezüglich Israel und Palästina werden.

Wir verstehen, dass Gerechtigkeit auszumachen schwierig sein kann, wenn sie mit dem Bild von Ahed dargestellt wird, die die widerständige palästinensische Jugend darstellt, die auf Soldaten losschlägt, die doch die vom Staat Israel sanktionierte Militärmacht repräsentieren. Aber auch vom Staat sanktionierte Akte können ungerecht sein. „Student Voice for Palestine“ verurteilt Gewalt von jeder Seite, aber wir anerkennen, dass Formen der Gewalt offen sein können oder versteckt – manchmal offensichtlich, manchmal versteckt in ungerechten Systemen. Während Ahed’s Geschichte sichtbar ist und bedauernswert, gibt es viele andere Ungerechtigkeiten im Spiel, die nicht in einem 5-Minuten-Video oder einer Schlagzeile in der Zeitung nähergebracht werden können. Wir hoffen, dass wir alle den Mut haben, hinter die Schlagzeilen zu schauen, um solche ungerechte Systeme in den Blick zu bekommen. Und dann: Haben wir die Kraft, darüber zu sprechen, was wir daraus lernen!

Für uns stellt Ahed eine neue Generation von PalästinenserInnen dar, die genau hinschauen, wo Ungerechtigkeiten ihnen gegenüber Dauerzustand sind. Frustriert vom Fehlen eines politischen Willens haben es viele palästinensische Jugendliche auf sich genommen, neue, kreative Möglichkeiten zu generieren, um gewaltlos gegen die Okkupation Widerstand zu leisten. Wir bewundern ihre Benutzung von sozialen Medien, Basisorganisationen, und kreativen Nicht-Widerstand; wir verneigen uns vor ihrer ungebrochenen Hoffnung und Spannkraft. Wir hoffen, wir können ihre Bemühungen unterstützen und verbreitern – auf jede uns mögliche Art.

(Für diese Übersetzung wurde der Originaltext – wie am Anfang dieses Artikels zitiert – zur Hand genommen.)

 Übersetzung: Gerhilde Merz       

   

Mach mich nicht nur für den einen Tag zum Freund – und verlasse mich nach einem Monat.Komm mir nicht nahe – um mich wieder zu verlassen.Versprich nicht, was du doch nicht tun wirst.Sei mir nahe – oder geh ganz fort.                                    

Mahmoud Darwish