Wie die Religion die säkulare Politik in Israel und Palästina herausfordert

Palestine Update Nr. 138 – 7. Mai 18 – Das Heilige für das Profane

Meinung von Anne Irfan

(Diese Update wird ohne die Hinweise auf die Quellen übertragen. Es ist mir nicht möglich, die Links zu den ursprünglichen Artikeln aufzunehmen. Die Übersetzerin)

 

Wie die Religion die säkulare Politik in Israel und Palästina herausfordert

Es ist klar, dass religiöses Hardlinertum die derzeitige Politik sowohl in Israel wie auch in Palästina bestimmt. Das könnte den Eindruck erwecken, dass der Konflikt zwischen beiden seiner Natur nach ein religiöser ist. Aber: Stimmt das, oder ist es eine Über-Vereinfachung? Anne Irfan PhD-Doktorandin in internationaler Geschichte und Lehrbeauftragte in Mittelost-Geschichte an der Universität von Sussex, zeichnet die derzeitige Historie des Konflikts  und die gleichzeitige Abkehr beider Seiten vom überwiegend Säkularen hin zum Religiösen. ———————-

1978 reiste der palästinensische Führer Yasser Arafat nach Mekka zu seiner Hadsch-Pilgerfahrt. Dort proklamierte er die islamische Heiligkeit der palästinensischen nationalen Sache:

Palästina und Jerusalem waren nie nur eine palästinensische Frage oder nur eine arabische Frage, sondern sie sind für jeden Muslim ein Problem … Die Befreiung von Jerusalem ist ein Gebot für jeden Muslim … Ich erkläre von hier, aus dem Land des Propheten, aus der Wiege des Islam die Öffnung des Tores zum Heiligen Krieg für die Befreiung von Palästina und die Wiedererlangung von Jerusalem.

Arafats Bemerkung entspricht dem populären Verständnis des israelisch/palästinensischen Konflikts als in erster Linie einer religiösen Konfrontation. In den letzten Jahrzehnten ist es zunehmend allgemein geworden, den palästinensischen Nationalismus innerhalb des Kontexts des aufkommenden politischen Islams zu diskutieren, während die israelische Politik oft durch die Linse der jüdischen religiösen Identität analysiert wird. In der Realität jedoch funktionieren beide, der palästinensische Nationalismus und der Zionismus als vorwiegend säkulare Bewegungen in den meisten ihrer Geschichtsbetrachtungen. Die Rolle der Religion ist zwar immer präsent, blieb aber bis vor kurzem marginal.

Weit weg von seinen üblichen Aussagen war Arafats Wort 1978 in Mekka eine Ausnahme zur Periode üblicher Beschreibungen des palästinensischen Nationalismus, die dazu neigten, die Bewegung als anti-kolonialen Befreiungskampf  eher als einer religiösen Schlacht darzustellen. Mit dieser Bemerkung mag Arafat – ein praktizierender Muslim – seine eigenen ernsthaften Gefühle als Hadsch-Pilger ausgedrückt haben; er mag auch auf die taktische Stärke, seinen Fall als Kampf für Muslime überall darzustellen, gesetzt haben. Egal wie, diese Aussage war keine Darstellung des palästinensischen nationalistischen Diskurses dieser Zeit. Für vieles in seiner Geschichte gehörte der palästinensische Nationalismus nicht zuerst zur globalen Umma, sondern zur arabischen Welt – ein Konzept, das sich in säkulären Begriffen definiert und beträchtliche christliche Volksgruppen einschließt. Als der israelische Staat 1948 nach der Vertreibung von rund ¾ des palästinensischen Volkes etabliert wurde, wiesen arabische Stimmen ihre Niederlage mehr der arabischen Uneinigkeit zu als dem islamischen Scheitern. In den 1950ern und 1960ern war der ägyptische Präsident Gamal abd-Al Nasser der Held der palästinensischen Sache, der die Ideologie des säkularen Pan-Arabismus vertrat.

Die Wurzeln des Zionismus waren ähnlich säkulär.

Während religiöse Formen der Ideologie von den ersten Tagen ihres Erscheinens im späten 19. Jahrhundert an existierten, wurde die Mainstream-Bewegung viel mehr durch Ideen der post-Aufklärung des säkularen Nationalismus inspiriert als durch irgendeinen religiöser Text. Der zionistische Übervater Theodor Herzl war Atheist, ebenso wie sein enger Kollege Max Nordau. Ze’ev Jabotinsky, der die Hardliner- Bewegung der zionistischen Revisionisten in den Jahren zwischen den Kriegen leitete, scheute auch die Religion und definierte sein Jüdischsein in säkular zionistischen Begriffen.

Dieser Trend setzte sich nach der Etablierung von Israel fort. Präsident Chaim Weizman im Amt 1949 -1952) und Premierminister David Ben Gurion (im Amt 1948 -1954 und 1955 – 1963) hatten sich beide selbst als Atheisten bezeichnet. Während der ersten drei Jahrzehnte des Bestehens von Israel wurde die nationale Politik dominiert durch die sozialistische Mapai/Labor-Partei, die eine säkulare linke Form des Zionismus bevorzugte. Die Popularität der Kibbutz-Bewegung in den ersten paar Jahrzehnten der Geschichte Israels war ein weiteres Zeugnis für die Mainstream-Natur der säkularen Ideen in der frühen israelischen Gesellschaft.

 

Ähnlich hatte auch der palästinensische Nationalismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine stark linke Dynamik. Von den späten1960erjahren an waren zwei der größten Parteien in der umgreifenden Palestine Liberation Organisation (PLO) die „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP) und die „Democratic Front for Liberation of Palestine“ (DFLP). Beide neigen zu marxistisch-leninistischen Ideologien und unterstützten die Vorstellung der Befreiung Palästinas durch die volle politische und wirtschaftliche Umwälzung. Die Führer der Parteien waren nicht nur säkular, sondern sind bekennende Atheisten mit christlichem Hintergrund; George Habash von der PFLP hat als Knabe im Kirchenchor gesungen, der Gründer der DFLP ist in einer katholischen Familie aufgewachsen. Mit anderen Worten, sie waren so weit weg vom politischen Islam wie irgend möglich. Das heißt nicht, dass linke Ideen die Politik der Palästinenser in dieser Zeit gänzlich unterwandert hat. Arafats Partei, die größte Partei Palästinas hat sich immer von explicit linken Ideologien distanziert – und wie die Aussage am Anfang zeigt, fürchtete Arafat sich nicht, die Religion heranzuziehen, wenn er sich an bestimmte Zuhörer wandte. Trotzdem war Fatah keine religiöse Partei, ihre Ideologie war einfach die des palästinensischen Nationalismus, und Ideen – religiöse oder andere – wurden angenommen oder zurückgewiesen, je nachdem sie der nationalen Sache dienten.

Für die längste Zeit im 20. Jahrhundert war der politische Islam für die palästinensische nationale Bewegung marginal. Erst am Ende des Jahrhunderts begann eine Veränderung mit der Schaffung des palästinensischen Islamischen Jihads 1981 und dann der Hamas. Letztere wurde eine besonders signifikante Macht durch den Sieg bei den Parlamentswahlen 2006 und die Machtübernahme in Gaza im darauffolgenden Jahr. Mit ihrem aus der arabischen Version für islamische Widerstandsbewegung übernommenem Namen „Hamas“ verbindet der Diskurs explicit den palästinensischen Nationalismus mit dem politischen Islam. Die Partei hat sich als reine, gottesfürchtige Alternative zur säkularen korrupten PLO positioniert und den Säkularismus sogar als den Grund für die Niederlagen der Palästinenser angesprochen; ihr erstes Kommuniqué proklamierte „Islam als Alternative und Lösung“.

Religiöse Politik war in den vergangenen Jahrzehnten in Israel auch im Steigen. Die erste signifikante Bewegung ging mit den nationalen Wahlen 1977 einher, wobei Labor sein lange währendes Monopol verlor, als Menachem Begins rechtsgerichtete Likud-Partei an die Macht kam, gestützt von religiösen Kräften. Später stellte sich ein ständiges Wachstum der israelischen religiös-nationalistischen Bewegung ein, teilweise aufgrund der höheren Geburtenrate in den religiösen Gemeinden. Studien haben herausgefunden, dass die religiöse Gesetzestreue unter israelischen Juden zunimmt, da religiöse Zionisten in der israelischen Armee einen sich zunehmend vergrößernden Anteil haben.

 

 

Die historischen Sprünge der religiösen Politiken sowohl in Israel wie auch in Palästina stellen konventionelle Annahmen über die Region vor beträchtliche Herausforderungen. Nicht nur unterminieren diese Historien die Behauptungen, dass der Konflikt von sich aus ein religiöser sei, sie enthüllen auch überraschende Gleichschritte zwischen den beiden Seiten. Beide haben säkulare Wurzeln im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, beide näherten sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts linken Ideen – und beide sahen das Aufstreben religiöser Politik in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Diese Sprünge zeigen so die komplexen historischen Dimensionen der israelischen und der palästinensischen Politik – eine Historie, die entscheidend ist für das heutige Verständnis der Region.

(Übers.: Gerhilde Merz)