*Wir warfen uns selbst ins Feuer – Geschichten vom Inferno in Gaza

PalestineUpdateNr. 344 – Wir warfen uns selbst ins Feuer

*Wir warfen uns selbst ins Feuer – Geschichten vom Inferno in Gaza 

(mit Angabe von exklusiven Bildern)*

Text und Bilder von Abdallah Aljamal

Der Autor ist der in Gaza lebende Berichterstatter von „The Palestine Chronicle“

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11 Menschen wurden bei einer Explosion im Nuseirat Flüchtlingslager in Gaza getötet.

Die Uhr hatte gerade 1 Uhr mittags geschlagen, als im Flüchtlingslager Nuseirat, dem zentralsten und am meisten übervölkerten Flüchtlingslager von Gaza ein riesiges Feuer ausbrach. Die darauf folgenden Schmerzensschreie werden im Gedächtnis der Bewohner von Nuseirat noch jahrelang festsitzen.

 Seitdem Israel seine hermetische Belagerung von Gaza 2006 begonnen hat, lernte Nuseirat wie alle anderen Gemeinden Gazas, sich den folgenden harten Lebensbedingungen anzupassen. Mit verlängerten Stromausfällen, die zeitweise tagelang dauern, halten alle Haushalte in Gaza und alle lokalen Geschäfte verschiedene Arten von Gasbehältern auf Vorrat, damit das Leben weitergehen kann, auch wenn die Elektrizität ausfällt.  

Diese Option hat sich schon in der Vergangenheit als tödlich herausgestellt, aber jetzt erfährt Nuseirat die größte Tragödie während der 13 Jahre der Belagerung. Begonnen hat es mit einem Leck in der Gasleitung in der Banna Bäckerei auf dem Hauptmarkt von Nuseirat, wodurch geschätzte 3 Tonnen Gas in die Luft geflogen sind. Es entwickelte sich eine Katastrophe in ihren Auswirkungen, weil das Leck in der Gasleitung zwei massive Explosionen im Abstand von wenigen Minuten auslöste und den Großteil von Nuseirat in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelte. Stundenlang waren Freiwillige, Bewohner und die schlecht ausgerüstete Bürgerwehr beschäftigt, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, besonders, weil die Gaszylinder in Geschäften und Wohnungen in der Folge weiter explodierten. Zuletzt waren 11 Personen tot und 57 verletzt, 14 davon waren in kritischem Zustand. 

Auch die wirtschaftlichen Kosten waren beträchtlich, besonders, weil Nuseirat – wie ganz Gaza – unter den Einwirkungen der israelischen Blockade stöhnt. 27 Geschäfte sind total ausgebrannt, ebenso drei große Betriebe, 42 Marktbuden, einige Wohnhäuser und Apartment-Komplexe und 22 Fahrzeuge. Aber hinter der tragischen Szene verbarg sich eine andere wundervolle Szene der Solidarität in der Gemeinschaft, für die die Menschen in Gaza bekannt sind. Sogar früher als die Bürgerwehr die Szene erreichen konnte, warfen sich ganz normale Leute in das Inferno, trugen Verwundete heraus und brachten die Körper der Toten in Sicherheit. 

Hamzah Rizqah (26) erzählte „The Palestine Chronicle“, dass man zuerst geglaubt hatte, das Feuer und die Explosionen wären das Ergebnis von israelischen Bombardements, ehe man herausfand, dass das massive Feuer in der Bäckerei ausgebrochen war. Rizqah und andere sind für diese Annahme entschuldigt in Anbetracht der Tatsache, dass Nuseirat wiederholt und häufig von Israel bombardiert worden war, wobei es zu massiven Zerstörungen und dem Tod vieler Leute gekommen war. „Wir warfen uns ins Feuer, um die Verwundeten heraus zu holen, ganz besonders die Kinder, die sich auf dem Markt aufgehalten hat – gerade rechtzeitig, ehe die erste Explosion stattfand“, sagte Rizqah. ‚Sama‘, eine neunjährige Schülerin saß in ihrer Klasse, nur 200 m vom Zentrum der Explosion entfernt. „Das Feuer war so riesig“, sagte sie, „der Qualm stieg hinauf bis zu den Wolken, und immer wieder explodierte es von allen Seiten. Wir haben uns so gefürchtet!“ Die Leute rannten in großer Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder zur Schule…

Hamzah Dwider (27) beschrieb die Szene in der Schule. „Der ganze Platz war voll von den Schreien der Kinder; sie alle starrten in das Feuer und waren überzeugt, dass es sich um  israelische Bomben handelte und dass man auf ihre Schule gezielt hatte. Wir taten alles, um sie zu beruhigen, indem wir Fluchtwege herausfanden, um sie zu evakuieren, ohne, dass eines einen Schaden erlitt“.

Die Zentral-Klinik von Nuseirat war zu dieser Zeit voll belegt mit Patienten, aber es gelang den Bewohnern ganz schnell, die ganze Klinik zu evakuieren, während das Feuer immer näher kam. Sie sagen, dass die Notwendigkeit die Mutter der Erfindung ist; das hat sich an diesem furchtbaren Tag in Nuseirat bewahrheitet. Als es der Bürgerwehr und den Freiwilligen nicht gelang, das Feuer einzudämmen – weil ihnen die entsprechende Ausrüstung nicht zur Verfügung stand – fanden die Arbeiter von lokalen Zement- und Sandfirmen eine Lösung. Sie füllten ihre LKWs mit Wasser und Sand und rasten zu der Szene; dann schütteten sie ihre Ladungen rund um das um sich greifende Feuer und schufen dadurch natürliche Barrieren. Wenn sie das nicht getan hätten, würde sich das Feuer weiter in das sehr übervölkerte 

Flüchtlingslager ausgebreitet haben. Jedermann rannte zu der Szene, gewöhnliche Leute, Regierungsbeamte und Arbeiter, und jeder versuchte, herbeizuschaffen, was immer er/sie konnte, um die Tragödie weniger tragisch zu machen. 

Das war ein schwieriger Tag für Nuseirat, aber man wird sich nicht nur wegen des unwiederbringlichen Verlusts an kostbaren Leben daran erinnern, sondern auch wegen der Solidarität und der Opfer, die das ganze Flüchtlingslager, die Heimat von 120.000 Menschen, gebracht hat. Die Hamas-Regierung hat laut Bericht 300.000 $ als Hilfe für die Familien der Opfer aufgebracht, die Regierung von Katar hat einen Beitrag von 2 Mill $ für den Wiederaufbau des zerstörten Marktes angekündet. Inzwischen haben die Beerdigungen der Elf, die im Feuer gestorben sind, stattgefunden, und immer noch fluten tausende Trauernde und Unterstützer zur Begräbnisstätte.

   In der englischen Ausgabe von Palestine Updates finden Sie einige Bilder von dem Feuer in Nuseirat (Fotos von Abdallah Aljamal in „The Palestine Chronicle“)

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(Übersetzt: Gerhilde Merz)