Palestine Update Nr. 519 – Die Risken von Solidarität sind das Wesen von geteiltem Streit

Palestine Update Nr. 519 – Die Risken von Solidarität sind das Wesen von geteiltem Streit

Kommentar des Herausgebers

Die Risken von Solidarität sind das Wesen von geteiltem Kampf

„Wenn du ins Heilige Land fährst und siehst, was den Palästinensern an den Checkpoints geschieht, ist das für uns eine Art Umgang, wie wir sie in Südafrika erfahren haben. Du kannst sagen, die Apartheid, die Israel praktiziert, sei nicht materiell. Sie tun Dinge, wie sie von ihrer Geschichte vorgegeben sind, denkst du und sagst, ‚Du bist ein Antisemit‘. (Bischof Tutu in seinen eigenen Worten – aus einem Interview in der ‚Washington Post‘) 

In einem Beitrag brachte die Schauspielerin Emma Watson ein Bild von einer pro-palästinensischen Demo mit dem Satz: „Solidarität ist ein Tun-Wort“. In die Überschrift brachte Watson eine Aussage der britisch-australischen Aktivistin Sara Ahmed ein, die sagte: „Solidarität gibt nicht vor, dass unsere Kämpfe die gleichen Kämpfe sind, oder dass unser Schmerz der gleiche Schmerz ist, oder dass unsere Hoffnung sich auf die gleiche Zukunft richtet …“ Zehn Punkte von Gryffindor (früherer israelischer Botschafter bei der UNO) bezeichnen, was ein Antisemit ist“, twitterte Danon. Watson fügt hinzu: „Solidarität umfasst

Verpflichtung und Arbeit, wie auch die Anerkennung, dass wir, wenn wir auch nicht die gleichen Gefühle haben oder die gleiche Lebensart, oder die gleichen Körper, wir dennoch auf dem gleichen Boden leben.“ In der Tat: Solidarität ist kostbar. Du wirst beschuldigt, schlecht gemacht und man erwartet, dass du nicht auf Linie bist – und das manchmal von beiden Seiten. Die Liberalen raten dir, dich zu mildern, die Konservativen wollen dich draußen haben, und eine Handvoll Gerechtigkeit suchende Radikale bewerfen dich mit Eiern. Sehr wenige wollen den ganzen Weg mit dir gehen. Bestenfalls würden sie aus der Sicherheit der Distanz applaudieren.“ 

Solidarität ist ihrem Wesen nach diejenige Aktion, die die Einbeziehung des Opfers bestätigt, das weggeschoben und isoliert ist. Sie sagt aus: Menschlichkeit ist eins. Das alltägliche Leben des Palästinensers ist eines, das menschliche Solidarität in mehr als Worten fordert. Wie Tutu sagt, kannst du zusammengeschlagen werden, wenn du das Richtige tust. Für diejenigen, die sich bereitgemacht haben zu kämpfen und Gerechtigkeit zu erklären, ist Solidarität in der Tat ein Tun-Wort. Nach Google sind Tun-Wörter (= Verben) Wörter, die eine Handlung bezeichnen, ein Ereignis oder den Zustand eines Seins. 

 

Die Geschichten in dieser Ausgabe zeigen, warum Solidarität in Palästina nicht einfach eine Wahl sind, sondern eine Verpflichtung. Sie muss jenen Aktionen entsprechen, die Hoffnung erzeugen und vermehren, wie vor allem in der letzten Geschichte dieser Ausgabe beleuchtet wird. „Sechs palästinensische Frauen haben einen kreativen Ausweg gefunden, um Hoffnung in ihre Gemeinde zu bringen: eine Werkstatt zur Herstellung von Holzartikeln, und sie erzeugten wunderschöne Kunstwerke aus Holz … „Wir lieben unser Dorf und suchen sein Bestes. Das ist unser eigener Weg, um unsere Geschichte zu erzählen, Widerstand zu leisten und fortzufahren, für unser Leben hier zu kämpfen. Wie sehen das als SUMUD (Standfestigkeit).“

In Solidarität

Ranjan Solomon

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Israel genehmigte 2021 12.000 neue Einheiten für Siedler – demolierte 177 palästinensische Gebäude in Jerusalem 

Das ‚Ministerium für Angelegenheiten Jerusalems‘ der PA (Palestinian Authority) sagte aus, dass Offizielle Israels im vergangenen Jahr im besetzten Al-Quds Pläne für den Bau von tausenden Wohneinheiten genehmigt und dutzende Gebäude. die Palästinensern gehörten, zerstört haben. Das Ministerium sagte aus, dass die israelischen Behörden einer Menge an Plänen grünes Licht gaben, um in der umstrittenen Heiligen Stadt im Laufe des Jahres 2021 rund 12.000 Einheiten zu errichten, während sie ebendort 177 palästinensische Wohnhäuser dem Erdboden gleichmachten. Sie ordneten auch die Zerstörung weiterer 200 Wohnhäuser im besetzten Jerusalem an. Israelische Streitkräfte töteten auch 13 Bewohner der Stadt, arretierten mehr als 2.784 andere und vertrieben mit Gewalt mehr als 490 Palästinenser von ihren generationenlang ererbten Häusern dort. Israel macht regelmäßig palästinensische Wohnhäuser und andere Gebäude dem Erdboden gleich unter dem Vorwand, dass diese keine Baugenehmigung haben, und enteignet damit weiteren palästinensischen Landbesitz, um illegale Siedlungen auszubreiten.     

Die internationale Gemeinschaft betrachtet den Bau der israelischen Siedlungen als illegal nach dem Völkerrecht. Fast 700.000 israelische Siedler leben in illegalen Siedlungen, die seit der Okkupation von palästinensischen Gebieten in der Westbank und in Ostjerusalem 1967 errichtet wurden. Der UN-Sicherheitsrat hat die Siedlungsprojekte Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten in mehreren Resolutionen verurteilt. Israels Landdiebstahl in der besetzten Westbank zündete einen Krieg zwischen dem Militär und palästinensischen Wider-stands-Gruppen im Gazastreifen an, der 11 Tage lang dauerte. Während des Krieges tötete Israels unentwegtes Bombardements von Gaza mehr als 250 Palästinenser, darunter 66 Kinder. Zusätzlich zur Ausweitung seiner illegalen Siedlungen beschränkt Israel die Bewegungsfreiheit der Palästinenser nicht nur nach und von Palästina, sondern auch innerhalb von diesem. Israelische Siedler stürmen routinemäßig unterstützt durch das Militär die Al Aqsa-Moschee und provozieren Zusammenstöße mit palästinensischen Betenden. 

(Quelle) 

Was mein Sohn darüber lernt, Palästinenser im jüdischen Staat zu sein. 

Palestinians bathe in the Mediterranean Sea during the last day of the Eid al-Fitr holiday as the sun sets in Jaffa, July 19, 2015. (Oren Ziv)

(Bild: Teenager in Badehose sitzt auf Gebots- oder Verbotstafel und blickt traurig auf die vielen Leute, die sich im seichten Meer vergnügen.)

„Schon als Drei- oder Vierjähriger hat Mahmoud begriffen, dass dieser Staat zwischen den Menschen unterscheidet – eine Hierarchie, die nach Hautfarbe, Religion und Nationalität unterscheidet. Mahmoud hat verstanden: jüdische Kinder werden für wichtiger gehalten. Er hat das verstanden, weil es nahe von unserem Haus keinen Spielplatz gab, und selbst, obwohl später einer angelegt wurde, war er kümmerlich trotz der Tatsache, dass in der Nachbarschaft so viele kleine Kinder waren. … Mit 12 Jahren hatte Mahmoud verstanden, dass die für das arabische Schulsystem bereitgestellten Gelder viel weniger waren als jene für das jüdische System … Kurz vor dem Alter von 14 hatte Mahmoud verstanden, dass er nicht nur weniger wert war als ein jüdisches Kind, sondern dass er per definitionem „verdächtig“ war und den Anpöbelungen und der Gewalt der Polizei ausgesetzt … Jetzt, Wochen nach seinem 18. Geburtstag, macht Mahmoud sich auf seinen eigenen Weg. Er ist kein Minderjähriger mehr, und trotzdem habe ich Angst, wann immer er das Haus verlässt. Die Fülle von Gewalt, die in diesem Land existiert, die Anhäufung illegaler Waffen – und die Polizei tut nichts, um dagegen einzuschreiten – die Fülle von Gewalt durch Polizeiangehörige selbst … das alles macht mich fürchten.“  

(Anm. der Übersetzerin: Dieser Absatz ist zweimal gedruckt, wohl, um aufmerksame Leser anzustiften, den Text sehr sorgsam zu lesen. Bitte, tun Sie es!)  *)

(Bitte, weiterlesen)

Entblößt – geschlagen – verhöhnt: Beschwerden von Palästinensern enthüllen die Brutalität der Polizei in Jerusalem

„Ein 16jähriger in einem öffentlichen Waschraum entblößt und geschlagen – eine 60jährige Frau mit Handschellen gefesselt und über den Fußboden gezogen – eine Journalistin während der Befragung mit sexistischen Kommentaren verhöhnt – ein Jugendlicher in einer städtischen Anlage angegriffen … und ein anderer mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt und fälschlicherweise als jemand anderer identifiziert, seine Familienmitglieder mit Schlägen bedacht. Alles das kann in sechs Beschwerden gefunden werden, die in den vergangenen Monaten beim Justizministerium, Abteilung zur Untersuchung von Fehlverhalten der Polizei, eingelangt sind; Kopien davon sind bei Haaretz eingelangt. Wenn man verschiedenen Beschwerden über schweres gewalttätiges Verhalten gegenüber Palästinensern durchschaut, findet man nur eine Beschwerde über einen Polizisten … Jessica Montell, die Executiv-

Direktorin der Menschenrechtsorganisation HaMoked, kommentierte: „Diese Situation schafft ein Verständnis, das Polizeigewalt fortführt, weil die Polizeibediensteten mit dem Gefühl agieren, sie seien immun gegenüber Verantwortlichkeit.“ Sie fuhr fort: „Gewalt gegen Palästinenser in Ostjerusalem wurde im vergangenen Jahr zur Routine, und daher obliegt es der internen Untersuchungsabteilung, die von uns weitergegebenen Beschwerden nach ihrer Rechtmäßigung zu überprüfen mit dem Ziel, dass dadurch in Zukunft hoffentlich keine weiteren derartigen Vergehen passieren.“

(Lesen Sie den ganzen Bericht!)

Eine evakuierte Siedlung wird zum Symbol für jüdischen Extremismus

Inmitten der Spannungen über das Schicksal des Westbank-Außenposten von Homesh sind  Siedler-Angriffe auf Palästinenser aufgebrochen – oft von israelischen Sicherheitskräften angestiftet.

„Zwischen 2017 und 2021 dokumentierte die israelische ‚NGO gegen die Besetzung, Yesh Din‘, die wiederholt Petitionen in Sachen der Bewohner beim Obersten Gerichtshof vorgebracht hatte, 27 Siedlerangriffe im Gebiet von Homesh, bei denen sowohl körperliche Angriffe wie auch die Zerstörung von Eigentum vorgefallen sind. Im August dieses (vergangenen) Jahres entführten und folterten Siedler vom Außenposten einen palästinen-sischen Teenager, fügten ihm Brandwunden an den Beinen zu und hängten ihn an einen Baum, bis er von der Armee gefunden und zu seiner Familie zurückgebracht wurde … Nach Angabe von Yesh Din gingen nur neun der vielen Palästinenser, die während der letzten vier Jahre angegriffen worden waren, mit einer Beschwerde zur israelischen Polizei. Nur eine dieser Beschwerden wird noch untersucht, die anderen wurden ohne Urteil abgeschlossen…

Die öffentliche Kampagne für Homesh kam am vergangenen Donnerstag zu ihrem Höhepunkt, als rund 10.000 Siedler und rechtslastige Aktivisten einschließlich MKs (Mitglieder von?) und junge Yeshiva-Studenten, zum Außenposten marschierten. Einige Gruppen in der Menge sangen rassistische, anti-arabische Lieder, während sie zu dem nahen Dorf Burqa marschierten. In den darauffolgenden Tagen hing eine Anzahl von jungen Siedlern eine israelische Fahne an ein Gebäude in Burqa, wurde dokumentiert. Die  Armee, die für den Marsch keine offizielle Erlaubnis gegeben hatte, gestattete trotzdem den Siedlern, nach Homesh zu gehen oder Busse  dorthin zu nehmen – obwohl das nach dem ‚Disengagement Law‘ (= Nichteinmischungs-Gesetz) für Israelis immer noch als „nicht erlaubt“ behandelt wird. Während die Siedler fröhlich voranschritten, beschränkten Soldaten den Palästinensern Bewegungen in dem Gebiet, indem sie die Hauptstraße von Nablus nach Jenin für den Verkehr von Palästinensern mit Erdwällen absperrten, um die Zugänge zu Dörfern wie Burqa und Sebastia zu blockieren.“

(Lesen Sie mehr)

SUMUD aus Holz schnitzen

Eine Tischlerwerkstätte schafft für palästinensische Frauen in al-Walaja einen kreativen Ausstieg in einer bäuerlichen Gemeinde, die durch die israelische Trennungsmauer abgeschnitten wurde.

Members of the Palestinian women's carpentry workshop Rweisat for Wood Art at work, in al-Walaja, West Bank. (Courtesy from their Facebook page)

(Bild: Tischler-Werkstätte – eine Frau arbeitet mit der Hobelmaschine)

Das palästinensische Bauerndorf al-Walaja bildet eine sehr belastende Grenze zwischen dem besetzten Ostjerusalem und dem Rest der Westbank. Nahezu total umgeben von der  israelischen Trennungsmauer liegt es noch dazu im Schatten von Siedlungen, die von bewaffnetem Personal und Sicherheits-Kameras beobachtet werden und jede Bewegung in dem Gebiet registrieren. Und trotzdem: inmitten von all dem haben sechs palästinensische Frauen einen kreativen Ausweg gefunden, um Hoffnung in ihre Gemeinde zu bringen: eine Tischler-Werkstätte, die wunderschöne Kunstgegenstände aus Holz produziert … „Wir lieben unser Dorf und wir sorgen für es und wir bleiben dabei, hier um unser Leben zu kämpfen. Wir sehen dieses als unseren SUMUD (= Standhaftigkeit) an“. 

(Lesen Sie die ganze Geschichte). 

(Übersetzung: Gerhilde Merz)

*) Sehr interessant zum Thema sind die kritischen Betrachtungen von Prof. Nurit Peled-Elhanan „Palästina in israelischen Schulbüchern“. Nurit P.-E. unterrichtet an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Hebräischen Universität Jerusalem. 

Nach der Tötung ihrer 13jährigen Tochter bei einem Selbstmordattentat eines Palästinensers im Zuge der 1. Intifada suchte sie nach den Gründen für den Hass von beiden Seiten und schrieb dieses Buch. Sie ist Mitglied der israelisch-palästinensischen Vereinigung  „Trauernde Eltern für Frieden“ (Parents‘ Circle) und Mitbegründerin des Russel Tribunals für Palästina 2009.

Verlag Stiftung Hirschler ISBN 9783981891676