Palestine Update Nr. 560, Ein Artikel von Gideon Levy, den Sie/Du lesen müssen.

Palestine Update Nr. 560, Ein Artikel von Gideon Levy, den Sie/Du lesen müssen. 

Meinung

Ein Stück von Gideon Levy, das gelesen werden muss.

Dieser Artikel von Gideon Levy ist aufschlussreich für alle, die darüber nachdenken, was die Israelis sich wirklich für ihre Zukunft wünschen. Tatsächlich geht Gideon Levy weiter und meint, dass die israelische Öffentlichkeit über keine ‚langfristige Vorstellung‘ verfüge. Oder, weil diese Sache ‚zu einer Verleugnung der Zukunft neigt wie ein Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt in der Hoffnung, dass deine Probleme verschwinden, weil es etwas richtig Unerfreuliches für die Zukunft gibt‘. 

Viele harte Fragen werden geäußert. Wird es Israel noch geben in 20 oder in 50 Jahren? Niemand hat das durchgedacht. Noch haben die Leute ernsthaft über Frieden und Sicherheit nachgedacht. Der Vogel Strauß sieht nichts. Wen wundert’s? Haben sie doch keinen Schlüssel, wohin sie sich wenden sollen.

Dieser Artikel eines bedeutenden und mit vielen Auszeichnungen bedachten Journalisten stimuliert und richtet sich an besorgte Leute und eine Nation, die von einem starken Gefühl der Unsicherheit geplagt ist. 

Bitte lesen und weit verteilen!

Ranjan Solomon

 

 

Für Israelis ist die Zukunft unmöglich zu sehen

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(Bild: Gideon Levy)

Der Schreiber Gideon Levy ist ein Haaretz-Kolumnist und Mitglied der Herausgeber-Gruppe.

Levy kam 1982 zu ‚Haaretz‘ und verbrachte dort 4 Jahre als stellvertretender Herausgeber der Zeitung. Er erhielt 2008 den Euro-Med Journalistenpreis, 2001 den Leipziger Friedenspreis, 1997 den ‚Israeli Journalists’s Union Price‘, und den ‚Gesellschaft für Menschenrechte in Israel-Preis‘ 1996 (= Preis der Gesellschaft der Menschenrechte in Israel). Sein neues Buch, ‚The Punishment of Gaza‘ (= Die Strafe von Gaza) wurde vor kurzem von ‚Verso‘ herausgebracht.

Eine Gesellschaft kommt nicht weit, wenn sie ihren Kopf in den Sand steckt, und kann sicher nicht den wirklichen Herausforderungen standhalten, mit denen sie konfrontiert ist. Wenn es eine Sache gibt, die in der öffentlichen Agenda in Israel fehlt, ist es die Vorausschau auf weite Sicht. Israel schaut nicht voraus, nicht einmal über eine halbe Generation. 

Kinder sind wichtig in Israel, und die Zeit und Energie, die man ihnen widmet, mag in der Substanz weit über dem liegen, was für die meisten anderen Gesellschaften typisch ist, aber niemand redet darüber, was vor ihnen oder deren eigenen zukünftigen Kinder liegt. Es gibt keinen einzigen Israeli – nicht einen – der weiß, wohin sein Land zieht.

Frag irgendeinen gewöhnlichen Israeli oder  irgendeinen Politiker, einen Journalisten oder Wissenschaftler aus dem politischen Zentrum oder von der Rechten oder Linken: Wohin geht ihr?  Wie wird euer Land ausschauen in weiteren 20 Jahren? Oder in 50? Sie können nicht einmal beschreiben, was in 10 Jahren von jetzt an los sein wird. Wenige Israelis könnten überhaupt sagen, wohin sie möchten, dass ihr Land gehen sollte, ausgenommen von leeren Slogans über Frieden und Sicherheit und Wohlergehen. 

Beunruhigende Frage 

Auch sehr instruktiv ist die eine Frage, die sich stellt in Bezug auf die weitere Vorschau: Wird Israel in weiteren 20 oder 50 Jahren noch existieren?  Das ist alles, was man in Israel über die Zukunft gefragt hören will. Und inzwischen auch eine ganz andere Frage: Wird es je Frieden geben? – Was vor einer oder zwei Generationen allgegenwärtig war, ist nicht mehr in der Agenda und wird fast nie gefragt.

Es gibt sehr wenige Orte, wo die Leute fragen, ob ihr Land in einigen Jahrzehnten von jetzt an noch bestehen wird. Die Leute fragen das nicht in Deutschland oder in Albanien oder in Togo oder in Tschad. Diese Frage mag auch für Israel nicht sachdienlich sein – einer mächtig aufgerüsteten regionaler Macht, beeindruckend gut vernetzt, mit derartiger technologischer Tapferkeit und solcher Wohlhabenheit, der Liebling des Westens. 

Notieren Sie die unglaublichen Mühen, die Israelis aufwenden, um einen zweiten Pass für sich und ihre Kinder zu erhalten – jeden Pass!

Aber überlegen Sie das Faktum, dass so viele Israelis nicht aufhören, diese Frage zu stellen, heute häufiger als je. Bemerken Sie die unglaublichen Mühen, die Israelis sich machen, um einen zweiten Pass für sich und ihre Kinder zu bekommen – jeden Pass! Sei es ein portu-giesischer oder einer für Litauen, Hauptsache ist, eine Möglichkeit über einen israelischen Pass hinaus zu sehen, als wäre ein israelischer Pass eine Art temporäres Permit nahe seiner Ablaufzeit, als wäre es nicht möglich, dieses für immer zu erneuern. 

Alles das lässt vermuten, dass die israelische Gewohnheit, den Kopf in den Sand zu stecken über die Zukunft ihres Landes eine tiefsitzende, und möglicherweise sehr realistische Angst über die Zukunft enthalten mag. Israelis haben Angst um die Zukunft ihres Landes. Sie prahlen mit der Kraft und Fähigkeit ihres Landes, einer rechtmäßigen Nation, einem erwählten Volk, ein Licht unter den Völkern … und sie sind außerordentlich angeberisch mit ihrer Armee, mit ihren Fertigkeiten – während zur gleichen Zeit eine Urangst an ihren Gedärmen knabbert. 

Die Zukunft ihres Landes ist ihnen verborgen, im Nebel gefangen. Sie reden gern in religiösen Ausdrücken über die Ewigkeit: „ein vereintes Jerusalem für die Ewigkeit“ und „Gottes ewiges Versprechen für Israel“, aber ganz tief im Inneren haben sie keinen Schlüssel zu dem, was mit ihrem Land morgen geschehen wird, oder spätestens übermorgen. 

Selbsttäuschung hat keine Antwort vorrätig

Der Name des Spieles ist Verdrängung, Verneinung, Selbsttäuschung in einem Ausmaß, das in jeder anderen Gesellschaft, die einem einfällt, unbekannt ist. Wie es für die meisten Israelis keine ‚Okkupation‘ gibt, und ganz bestimmt keine ‚Apartheid‘ – trotz Bergen von Beweis-mitteln, die mit der Zeit immer höher wachsen – so ist das Morgen kein Ding. Morgen ist kein Ding in Umweltfragen oder Klimaveränderung in Israel, morgen ist kein Ding in Sachen der Beziehung zu anderen Nationen, die Seite an Seite mit unserem Knie an ihrer Gurgel leben.     

Versuche nur, Israelis zu fragen, wie es hier ausschauen wird, wenn es eines Tages eine palästinensische Mehrheit geben wird zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer, und besten-falls wirst du nichts bekommen als ein Schulterzucken. Wohin führt das alles? Werden wir für immer durch das Schwert leben? Ist das den Preis wert?

Was du entdecken wirst, ist – rate einmal, was? – dass sich Israelis niemals vorher diese Frage gestellt haben, und es hat sie auch niemand vorher darüber befragt. Ihr Gesichtsausdruck wird dir sagen, dass sie auch noch nie eine derartig seltsame Frage gestellt bekommen haben. Auf jeden Fall wird es da keine Antwort geben. Die Israelis haben keine Antwort.

Diese Situation ist natürlich sehr ungesund. Eine Gesellschaft kann nicht weiterkommen, wenn sie ihren Kopf in den Sand steckt, und wird sicher nicht in der Lage sein, sich den wirklichen Herausforderungen zu stellen, die sich ihr stellen. Die Okkupation, die mehr als alles andere heute Israel definiert, stellt mehr dar als ein paar Herausforderungen – mit denen sich auseinanderzusetzen Israel sich weigert. Was wird geschehen mit dieser Okkupation? Wohin wird sie die beiden Gesellschaften bringen, die Okkupierer (= Besatzung) und die Okkupierten (= Besetzten), Israelis und Palästinenser? Kann die Okkupation für immer  bestehen?

Bis vor kurzem war ich überzeugt, dass die Okkupation nicht für immer bestehen kann. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass ein Volk, das um seine Freiheit kämpft, allgemein gewinnt und dass vermurkste Regime, wie die militärische Okkupation des palästinensischen Volkes durch Israel, an ihrer eigenen Zustimmung kollabieren wird, innerlich zerbröckelnd an dem Verfall, der sie immer durchzieht. Aber weil sich die israelische Okkupation vor sich hin-schleppt und ständig weitergeht, haben Zweifel meine einst solide Überzeugung gespalten, dass irgendetwas sicherlich bald passieren wird, um die Okkupation zu Fall zu bringen wie einen Baum, der robust ausschaut, aber von innen her verfault. 

Der am meisten zu befürchtende Vergleichsfall ist der von Amerika und den eingeborenen Amerikanern, eine Geschichte einer Eroberung, die permanent wurde, und bei der die Eroberten in Reservationen zusammengetrieben wurden, wo sie nur in der Theorie Un-abhängigkeit und Selbstbestimmung haben – und deren nationale Rechte ignoriert werden.

Unbeschränkte Okkupation

Mit anderen Worten: Es gibt in der Tat Okkupationen, die unbeschränkt weitergehen und allen Wahrscheinlichkeiten und allen Vorhersagen trotzen, bestehen bleiben und bestehen bleiben, bis ein erobertes Volk aufhört, eine Nation zu sein und zu einer anthropologischen Kuriosität wird, die in ihrem Käfig in einer Reservation lebt. Das passiert, wenn die Okkupation besonders mächtig ist und die Besiegten besonders schwach – und die Welt das Interesse an ihrem Schicksal verliert. Eine derartige Zukunft zeichnet sich jetzt ab für die Palästinenser. Sie befinden sich jetzt in ihrer gefährlichsten Stunde seit der Nakba 1948.        

Geteilt, isoliert, ohne eine starke Führung liegen sie blutend am Straßenrand  und verlieren langsam ihr wertvollstes Vermögen, welches die Solidarität ist, die sie in der ganzen Welt gewonnen haben, besonders im globalen Süden.   

Yasser Arafat war eine Ikone weltweit; es gibt keinen Ort auf der Erde, wo sein Name nicht bekannt war. Kein palästinensischer Führer von heute kommt ihm nahe. Schlimmer noch, ihr Anliegen verschwindet nach und nach von der Agenda der Welt, weil sie sich weiterdreht zu bedrückenden Inhalten wie Migration, Sorge um die Umwelt und den Krieg in der Ukraine. Die Welt ist der Palästinenser müde, die arabische Welt ist das schon lange und die Israelis waren nie an ihnen interessiert. Das könnte sich noch ändern, aber die derzeitigen Trends sind zutiefst entmutigend.

Ein Teil der Welt hat einfach das Interesse verloren, und der Rest hält fest an der Formel der Zweistaatenlösung, als wäre diese durch ein religiöses Edikt festgeschrieben.

Eine weitere Nakba nach dem Modell von 1948 scheint wohl keine realistische Option für das Israel der Gegenwart; die zweite Nakba geht weiter und kriecht bereits die ganze Zeit lang unablässig voran – aber nicht dramatisch. Sicher gibt es in Israel solche, die mit der Idee spielen, dass Israel unter dem Mantel eines zukünftigen Krieges „den Job beenden“ würde, den es 1948 nur teilweise vollständig gemacht hat. Drohende Worte in dieser Richtung haben in letzter Zeit lauter geklungen, aber sie bleiben im israelischen Diskurs eine Minderheit. 

Weitergehen mit den Siedlungen? Warum nicht? Den meisten Israelis ist das „wurscht“. Sie sind niemals in diesen Siedlungen gewesen, werden niemals hingehen und können sich nicht darum kümmern, ob Evyatar*) entleert wird oder nicht.

*) E. ist ein illegaler israelischer Außenposten in der Westbank im ländlichen Gebiet von Mount Sabih südlich von Nablus. 

Der Streit ist seit langem an die internationale Front weitergezogen. Die Bewegung kann nur von dort kommen, wie es in Südafrika gewesen ist. Aber ein Teil der Welt hat einfach das Interesse verloren, und der Rest neigt zur Bildung einer Zweistaatenlösung, als wäre diese durch ein religiöses Edikt sanktioniert. Jedoch wissen die meisten Entscheidungsfinder längst, dass die Zweistaatenlösung lang gestorben ist, falls sie tatsächlich je gelebt hat und geatmet. 

Gleichheit ist der Weg

Der einzige Ausweg von diesem unterdrückenden Zugang kann geschehen durch einen neuen Diskurs, einem Diskurs über Rechte und Gleichheit. Die Leute müssen aufhören, Lieder von gestern (= z.B. „Yesterday“) zu singen und müssen eine neue Vision in ihre Arme schließen. Für die internationale Gemeinschaft sollte das selbstverständlich sein; für die Israelis und in geringerem Ausmaß für die Palästinenser ist die Idee revolutionär, bedrohlich und für alle außerordentlich schmerzlich. 

Gleichheit

Gleichheit vom Fluss (Jordan) bis zum Meer (Mittelmeer). Eine Person, eine Stimme. So grundsätzlich und doch so revolutionär. Dieser Weg fordert ein Verlassen der Wege mit dem Zionismus und die Zurückweisung der jüdischen Überheblichkeit, und ein Abschied der ganzen Selbstdefinition beider Völker – aber es ist der einzige Hoffnungsschimmer

In Israel war diese Idee noch vor wenigen Jahren als subversiv, verräterisch und illegitim angesehen worden. Heute noch schaut man sie so an, aber mit etwas geringerem Nachdruck.

Man kann sie erwähnen. Es bleibt noch bei den Zivilgesellschaften und bei den Politikern, die Veränderung wahrzunehmen. Die meisten wissen bereits, dass diese die einzige Lösung ist, die uns bleibt, aber haben Angst, es zuzugeben, sondern würden sie Gefahr laufen, die magische Vorstellung einer weitergehenden israelischen Okkupation durch die jetzt tote Zweistaatenlösung aufgeben müssen. 

Die Gegenwart ist zutiefst entmutigend, die Zukunft nicht weniger. Und doch: zu denken, dass man noch auf etwas hoffen kann, dass es noch zu einer Aktion kommen kann, ist von größter Wichtigkeit. Das Schlimmste, das in diesem Teil der Welt passieren könnte, ist für jeden, das Interesse daran zu verlieren, was hier geschieht, und sich zurückzulehnen auf die  laufende Wirklichkeit. Das darf nicht passieren. 

Die Ansichten, die in diesem Artikel ausgedrückt sind, sind die des Autors, und sie müssen nicht notwendigerweise die Meinung des Herausgebers von Middle East Eye wiedergeben. 

(Quelle)

(Übersetzung: Gerhilde Merz)

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